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Krim-Krise : Im verlorenen Paradies

„Wahlkampf“ für das Referendum in Bachtschissaraj auf der Krim Bild: Aleksandr Kadnikov

In einer ukrainischen Kaserne auf der Krim sitzt Oberstleutnant Dokutschajew und denkt darüber nach, ob er überlaufen soll. Draußen warten die Russen. Die lassen Schützenpanzer rollen - vor allem unter den Tataren geht die Angst um.

          Am Zusammenfluss der Täler, unter ockerfarbenen Felsen, liegt eines der Paradiese der Krim. Bachtschissaraj mit seinen Minaretten und dem Palast der tatarischen Chane hat weiter unten seinen Platz, wo das Tal schon weiter ist. Noch weiter unten geht die Landstraße vorbei, rechts nach Simferopol, der Hauptstadt der Krim, links nach Sewastopol, wo die russische Flotte liegt.

          Konrad Schuller

          Politischer Korrespondent der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Hier oben aber ist es still, und Elmira Ablialimowa erzählt vom Frieden der Tataren. Sie ist eine Muslimin und wie die tatarischen Frauen eben sind. Nicht verschleiert, nicht verschüchtert, sondern fröhlich in einem roten taillierten Mantel und hohen Schuhen. Durch die Schlucht herauf hat sie ihren nagelneuen gelben Flitzer genommen. Jetzt spaziert sie über die Felsensenke am Tor der Täler und erzählt vom Paradies, wie ihr Volk es sieht: „Wir hatten hier Frieden.“ Sie weist auf die Felswand rechts, wo sich das orthodoxe Kloster Mariä Entschlafung in den Felsen klammert, dann zum Felsplateau links, wo einmal Tschufut Kaleh gelegen hat, eine Höhlenstadt der jüdischen Karäer. „Alle hatten ihre Rechte“ – die Christen, die Juden, und natürlich die Muslime, denn ihnen gehörte ja diese herrliche Senke. Eine alte Koranschule, die Reste eines öffentlichen Bades, das Grabmal der ersten Khane mit herrlich gemeißelten Kalligraphien zeugen davon, fast unbeschädigt, auch wenn die Anlage zu Sowjetzeiten ein Sanatorium für Geisteskranke war. „Ein kleines Jerusalem eben“, sagt Elmira noch, bevor sie in ihren Flitzer steigt und Gas gibt, hinunter in die Stadt.

          Der Khanpalast von Bachtschissaraj

          Ein Synonym für russisches Heldentum

          Es herrscht zwar nicht Krieg auf der Krim, aber auch nicht Frieden. Diese sonnige Halbinsel im Schwarzen Meer hat seit dem Ende der Sowjetunion zur Ukraine gehört, aber richtig ukrainisch war sie nie. Da sind die Tataren, Erben eines kleinen, aber hochentwickelten islamischen Reichs, das 1783 unter russische Herrschaft geriet. Da sind aber vor allem die Russen. Seit Zarin Katharina die Große die Türken von der nördlichen Schwarzmeerküste vertrieb, beherrschen sie die Krim, und ihr Militärhafen Sewastopol ist nach mehrmaligen gescheiterten Eroberungsversuchen (zuletzt durch die deutsche Wehrmacht) für jeden Patrioten ein Synonym für russisches Heldentum.

          Das dritte wichtige Element hier ist der ukrainische Staat. 1954 war die Krim innerhalb des Sowjetreichs der ukrainischen Teilrepublik zugeschlagen worden. Die Umdeklarierung schien bedeutungslos, ein rein technischer Akt. Als aber das Imperium zerfiel, gehörte die Krim plötzlich nicht mehr zu Russland, sondern zur unabhängigen Ukraine. Seither hat die Fremdheit zwischen dem ukrainischen Staat und der örtlichen russischen Mehrheit immer wieder zu Spannungen geführt.

          In Bachtschissaraj ist diese Ruhe jetzt die Ruhe einer entsicherten Panzermine. Unten am Busbahnhof liegt eine Kaserne der ukrainischen Armee, eine von zweien in der Stadt, die andere liegt oben am Umspannwerk. Nichts Aufregendes an sich: Die blaugelbe Fahne hängt müde in der stillen Luft, hinter den Baracken trocknen Socken an der Leine, entlang den Postenwegen zeugen ausgespuckte Kürbiskernschalen von einer gewissen Gemütlichkeit des Dienstalltags.

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