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Krim-Krise : Angst vor einer russischen Invasion im Osten

  • -Aktualisiert am

Prorussische Aktivisten in Donezk Bild: AFP

Die Krim-Krise sorgt im Osten der Ukraine für wachsende Unruhe. Das russische Außenministerium erhält nach eigenen Angaben viele Anfragen, die dort lebenden Bürger zu schützen. Die Angst vor einer russischen Invasion wächst.

          3 Min.

          Im Osten der Ukraine ist Lage nach den Provokationen und Zusammenstößen der vergangenen Tage angespannt. Unter dem Eindruck des Referendums auf der Halbinsel Krim versammelten sich in den russischsprachigen Großstädten Charkiw und Donezk am Sonntag abermals mehrere tausend prorussische Demonstranten, um gegen die neue Regierung in Kiew zu protestieren und den Anschluss an Russland zu fordern. „Wir sind bei dir, Krim“, skandierten die Menschen in Charkiw. Mit einer riesigen russischen Fahne versammelten sie sich vor dem Gebäude des russischen Konsulats. Sie übergaben dem Konsul eine Resolution mit der Forderung nach Entsendung russischer „Friedenstruppen“ in die Ukraine. Im Büro einer kleinen ukrainisch-nationalistischen Organisation wurde von einer Gruppe junger Männer Feuer gelegt. In Donezk marschierten nach Berichten ukrainischer, russischer und westlicher Medien ebenfalls Tausende durch die Stadt. Sie stürmten das Gebäude der Staatsanwaltschaft und drangen in den Sitz eines Unternehmens ein, das dem von der neuen Kiewer Regierung ernannten Gebietsgouverneur gehört.

          Die Sicherheitsvorkehrungen waren hoch, nachdem es in beiden Städten jüngst zu gewalttätigen Ausschreitungen zwischen Teilnehmern von Demonstrationen für die Einheit des Landes und prorussischen Aktivisten gekommen war. In Charkiw, der zweitgrößten Stadt der Ukraine mit knapp zwei Millionen Einwohnern, waren bei einer Schießerei in der Nacht zum Samstag zwei Männer getötet worden. Nach Angaben der Polizei handelte es sich um einen prorussischen Aktivisten und ein Passanten. Mindestens sechs Menschen wurden verletzt.

          Kolonnen von Kämpfern des „Rechten Sektors“ ausmarschiert

          Die Auseinandersetzung zwischen prorussischen Aktivisten und Unbekannten spielte sich an der Rymarskaja-Straße ab, wo sich das Büro der ukrainisch-nationalistischen Organisation „Patrioten der Ukraine“ befinden soll, einer Gruppe, die sich dem Bündnis „Rechter Sektor“ angeschlossen hat, dessen Kämpfer die Barrikaden auf dem Majdan in Kiew verteidigten. Russische Medien zitierten umgehend Augenzeugen, nach denen die Zusammenstöße von Vertretern des „Rechten Sektors“ ausgegangen sein sollen. Behörden in Charkiw teilten am Sonntag mit, dass gegen 25 Beteiligte ermittelt werde, weiter Angaben machten sie nicht.

          Das russische Außenministerium in Moskau veröffentlichte am Samstag eine Erklärung, in der es „Kämpfer“ des „Rechten Sektors“ beschuldigte, in Charkiw friedliche Demonstranten provoziert zu haben. Infolge der von den Kämpfern begonnenen Schießerei seien zwei Menschen getötet worden. Aus Charkiw, Donezk und Lugansk seien Kolonnen von Kämpfern des „Rechten Sektors“ ausmarschiert und hätten erklärt, eine „östliche Front“ eröffnet zu haben, heißt es weiter in der auf der Internetseite des russischen Außenministeriums veröffentlichten Erklärung. Zudem würden in einer örtlichen Textilfabrik eilig russische Uniformen genäht. Das russische Außenministerium beklagte weiterhin, dass das ukrainische Parlament den „Rechten Sektor“ und andere Radikale legitimiert habe, indem sie sie nun in reguläre Einheiten wie die in der vergangenen Woche neugegründete Nationale Garde überführe.

          Stellungnahme des Außenministeriums umstritten

          Die Erklärung schließt mit der Information, dass Russland derzeit eine große Menge von Anfragen aus der Ukraine erhalte, die dort lebenden friedlichen Bürger zu verteidigen. Diese Anfragen würden geprüft. Ukrainische Beobachter vermuten hinter der Stellungnahme des Außenministeriums den Versuch, einen Vorwand für ein weiteres Eingreifen im Osten der Ukraine zu finden. Der ukrainische Interimspräsident Oleksandr Turtschinow hatte vor dem Parlament in Kiew erklärt, es bestehe jetzt die reale Gefahr einer russischen Invasion. Neue Zusammenstöße zwischen prorussischen Kräften und radikalen Nationalisten im Osten des Landes seien das Werk von „Agenten des Kremls“ und gezielte Provokationen.

          Die rechtsextreme und ukrainisch-nationalistische Organisation „Rechter Sektor“ wies die Darstellung der Ereignisse in Charkiw durch das russische Außenministerium in einer eigenen Presseerklärung als „falsch und diffamierend“ zurück. Der „Rechte Sektor“, dessen Führer Dmitrij Jarosch kürzlich seine Kandidatur bei Präsidentschaftswahlen angekündigt hatte, teilte weiterhin mit, dass es sich bei den sogenannten „Kämpfern“, von denen das russische Außenministerium sprach und die in der Ostukraine die staatlichen Einrichtungen stürmten, um ein Referendum zu erzwingen, um russische Staatsbürger handele. Seit Beginn des Monats dauern in der Ostukraine Demonstrationen unter dem Slogan „Russischer Frühling“ gegen die neue Führung in der Hauptstadt an. In Donezk hatten prorussische Aktivisten bereits zweimal die Regionalregierung besetzt, um die Abhaltung eines Referendums zu erzwingen.

          Das russische Militär hat schon am Donnerstag in mindestens drei Regionen entlang der ukrainischen Ostgrenze seine Truppenpräsenz verstärkt. Andrej Parubij, der Kommandant des Majdan, der nun den Nationalen Sicherheits- und Verteidigungsrat der Ukraine leitet, hatte daraufhin erklärt, dass die russischen Truppen im Falle einer Verschärfung des Konflikts binnen zwei, drei Stunden vor Kiew stehen könnten. Interimspräsident Turtschinow hatte angekündigt, die Ostgrenze sichern zu wollen. Am Wochenende machten Bilder von Zügen die Runde, die mit ukrainischen Panzern beladen waren und auf dem Weg vom Westen des Landes in den Osten gewesen sein sollen. Russische Agenturen meldeten am Sonntag spontane Proteste der Bevölkerung gegen die Verstärkung der ukrainischen Militärpräsenz. In ukrainischen Quellen fanden sich darauf keine Hinweise.

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