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Kriegsverbrechertribunal : Prozess gegen Karadzic vertagt

  • Aktualisiert am

Gesichter eines Angeklagten: Karadzic im März 1994 in Moskau, als „Dragan Dabic” vermutlich 2007 in Serbien und im Juli 2008 in Den Haag Bild: AFP

Der Völkermord-Prozess gegen den ehemaligen Führer der bosnischen Serben Radovan Karadzic ist ohne den Angeklagten eröffnet worden. Das Gericht vertagte sich jedoch sogleich auf diesen Dienstag. Karadzic hatte sich zuvor geweigert, vor Gericht zu erscheinen.

          Der Kriegsverbrecherprozess gegen den ehemaligen bosnischen Serben-Führer Radovan Karadzic ist am Montag vor dem Haager Tribunal kurz nach Beginn auf diesen Dienstag vertagt worden. Der 64 Jahre alte Angeklagte boykottierte die Verhandlung und war nicht erschienen. Er hatte diesen Schritt bereits angekündigt und damit begründet, er habe nicht genug Zeit zur Vorbereitung erhalten. In einem Brief schrieb er, ihm hätten mindestens zwei Jahre Vorbereitungszeit zugestanden.

          Karadzic muss sich in elf Anklagepunkten vor dem UN-Tribunal verantworten, darunter Kriegsverbrechen, Verbrechen gegen die Menschlichkeit und Völkermord während des Bosnien-Kriegs in den Jahren 1992 bis 1995. Die Klagen beziehen sich vor allem auf die mehrjährige Belagerung der bosnischen Hauptstadt Sarajevo, während der etwa 10.000 Menschen ums Leben kamen, und auf das Massaker an mehr als 7000 muslimischen Männern und Jungen in Srebrenica im Juli 1995.

          „Ungleiche und ungerechte Bedingungen“

          Karadzic plädiert auf unschuldig; bei einer Verurteilung droht ihm lebenslange Haft. Der Angeklagte war im vergangenen Jahr nach elfjähriger Flucht verhaftet worden, während der er als Heilpraktiker unter falschem Namen in Serbien lebte.

          Unterstüztung für ihren Helden: Belgrad am 29. Juli 2008

          In dem Schreiben, das von seinem Rechtsberater Peter Robinson verbreitet wurde, klagt Karadzic über „ungleiche und ungerechte“ Bedingungen in dem Verfahren. Er benötige mehr Zeit, um die Prozessakten zu lesen, die neben der Anklageschrift knapp eine Million Seiten Beweismaterial und hunderte Zeugenaussagen enthalten. „Kein Anwalt der Welt hätte sich in dieser Zeit vorbereiten können“, schreibt Karadzic, der sich im Prozess selbst verteidigen will.

          Der frühere Serbenführer hatte bereits Anfang September um eine Verschiebung des Prozesses gebeten, war jedoch mit einem Antrag gescheitert, den Prozess um zehn Monate hinauszuzögern. Der Chefankläger des UN-Tribunals, Serge Brammertz, sagte dagegen, der Angeklagte habe mit 15 Monaten ausreichend Zeit gehabt, seine Verteidigung vorzubereiten.

          „Er macht sich über uns lustig“

          Auf die Vertagung des Prozesses reagierten viele im Gericht Anwesende, unter denen zahlreiche Überlebende des Krieges waren, mit Unverständnis. Admira Fazlic, die in einem bosnisch-serbischen Lager interniert war, schüttelte den Kopf. „Wir sind entsetzt. Er macht sich über alle lustig“, sagte sie über Karadzic. Vor allem für die Überlebenden serbischer Gräueltaten ist das Verfahren von großer Bedeutung. Dem Krieg in Bosnien-Herzegowina fielen mehr als 100.000 Menschen zum Opfer. Die meisten wurden Opfer bosnisch-serbischer Angriffe.

          Karadzic gehörte zu den zentralen Figuren der Kriege auf dem Balkan, die nach dem Auseinanderbrechen Jugoslawiens begannen. Der Prozess gegen ihn ist der wohl wichtigste seit dem gegen seinen früheren Mentor, den früheren jugoslawischen Präsidenten Slobodan Milosevic, der 2006 noch vor dem Urteil in der Haft starb. Karadzic war 13 Jahre auf der Flucht. Er hat sich als unschuldig bezeichnet. Bei einer Verurteilung droht ihm lebenslange Haft.

          Mit Karadzic wollte das Tribunal eigentlich auch dessen früheren Militärchef Ratko Mladic, der aber weiter auf der Flucht ist. Er ist einer von nur noch zwei Verdächtigen, die vom Tribunal gesucht werden. Der andere ist der frühere Führer der serbischen Rebellen in Kroatien, Goran Hadzic.

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