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Kriegsverbrechertribunal : Mladic beim Gartenfest

Fröhliche Familienfeier: Ratko Mladic auf einem undatierten Video, das vom bosnischen Fernsehen gezeigt wurde Bild: AFP

Aufnahmen des mutmaßlichen bosnisch-serbischen Kriegsverbrechers Ratko Mladic belasten das Verhältnis zwischen Sarajevo und Belgrad. Serbiens Regierung sieht in den Videos keinen Beleg dafür, dass Mladic noch im Land ist.

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          Am Morgen des 4. Dezember vergangenen Jahres näherte sich ein Trupp maskierter Männer einem Haus im Belgrader Stadtteil Banovo Brdo. Die Männer gehörten einer Sondereinheit des serbischen Innenministeriums an. In dem von ihnen gestürmten Haus wohnt die Familie des seit 1995 vom UN-Kriegsverbrechertribunal für das ehemalige Jugoslawien angeklagten ehemaligen Militärführers der bosnischen Serben, Ratko Mladic.

          Michael Martens
          Korrespondent für südosteuropäische Länder mit Sitz in Wien.

          Der serbische Innenminister Dacic gab nach der Razzia bekannt, bei der Durchsuchung des Hauses der Familie Mladic sowie mehrerer weiterer Anwesen aus dem Umfeld des Flüchtigen seien keinerlei Hinweise gefunden worden, die auf dessen Aufenthalt in Serbien schließen ließen. Welche Unterlagen oder Hinweise die Polizei im Haus Mladic sicherstellte, blieb seinerzeit den Spekulationen serbischer Medien überlassen.

          Auf Umwegen an die Öffentlichkeit

          Mehr als ein halbes Jahr später sind einige der damals sichergestellten Hinweise nun auf Umwegen an die Öffentlichkeit geraten. Mit großem Gebaren kündigte das bosnische Fernsehen in einer Sondersendung in der vergangenen Woche nichts weniger als eine Sensation an: Man besitze Bilder, die den angeblich seit mindestens sechs Jahren unauffindbaren Befehlshaber über das Massaker von Srebrenica dabei zeigten, wie er bis in die jüngste Zeit hinein unbehelligt und in aller Öffentlichkeit sein Pensionärsdasein in Belgrad genieße. Eine der Aufnahmen, so insinuierte der Sender in Sarajevo, stamme wahrscheinlich sogar aus dem vergangenen Winter und zeige den meistgesuchten Mann Europas bei einem fröhlichen Spaziergang.

          Zutreffend daran war zumindest, dass es sich bei dem Material um der Öffentlichkeit bisher unbekannte Filme handelte, deren Echtheit auch in Belgrad nicht bestritten wurde. Es sind Amateuraufnahmen, die einen Eindruck von dem kleinbürgerlichen Milieu vermitteln, in dem der Mann lebt, vor dem einst der halbe Balkan zitterte: Familienfeiern, Gartenfeste, Plauderrunden am Küchentisch. Mladic als Hausherr, der seine Gäste mit Schnaps bewirtet und durch harmlose Scherze unterhält. Eine der Aufnahmen ist sogar dazu geeignet, Mitleid mit dem mutmaßlichen Massenmörder zu wecken. Sie zeigt die Beerdigung von Mladics Tochter Ana, die 1994 mit 23 Jahren Selbstmord beging. Mladic wirkt da wie ein Mensch, der zur Trauer fähig ist.

          Stimmung gegen Serbien

          Seltsam ist nur, dass der bosnische Fernsehsender aus diesen Bildern die Behauptung ableitet, sie bewiesen, dass der serbische Staat noch heute die Dauerflucht Mladics decke. Es ist zwar denkbar, dass die alten Seilschaften aus der Herrschaftszeit von Slobodan Milosevic immer noch mächtig genug sind, Mladic vor dem Zugriff des Staates zu schützen, aber die neu aufgetauchten Bilder belegen nicht viel. Entweder sie sind mehrere Jahre alt, oder sie sind nicht datierbar.

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