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Kriegsverbrechen : Plavsic auf freiem Fuß

Nicht länger in Haft: Biljana Plavsic Bild: dpa

Die ehemalige bosnisch-serbische Präsidentin, Biljana Plavsic, ist vorzeitig aus dem Gefängnis in Schweden entlassen worden. Kurz vor ihrer Freilassung hatte sich die verurteilte Kriegsverbrecherin zu ihrem Hass auf Muslime bekannt.

          Die ehemalige Präsidentin der bosnischen Serbenrepublik, Biljana Plavsic, ist am Vormittag vorzeitig aus dem Gefängnis entlassen worden. Wie die schwedischen Justizbehörden mitteilten, wurde Plavsic am Dienstag nach Verbüßung von zwei Drittel ihrer elfjährigen Haftstrafe vorzeitig entlassen. Sie habe Schweden über den Stockholmer Flughafen Arlanda verlassen, hieß es weiter.Sie

          Michael Martens

          Korrespondent für südosteuropäische Länder mit Sitz in Wien.

          Plavsic war im Februar 2003 vom UN-Kriegsverbrechertribunal zu elf Jahren Haft verurteilt und in die Frauenhaftanstalt Hinseberg westlich von Stockholm überstellt worden. Schweden ist eines der Länder, das dem Haager Tribunal Verurteilte zur Verbüßung ihrer Strafe abnimmt.

          Taktische Reue

          Die schwedische Regierung hatte vergangene Woche beschlossen, dass die 1930 im bosnischen Tuzla geborene bosnische Serbin nach Verbüßung von zwei Dritteln ihrer Strafe auf freien Fuß gesetzt werden dürfe. Stockholm folgte der Einschätzung der zuständigen Richter des Haager Kriegsverbrechertribunals, die sich für die vorzeitige Freilassung der einstigen Nachfolgerin und späteren Gegnerin von Radovan Karadzic ausgesprochen hatten. Z

          ur Begründung führten die Richter unter anderem an, dass Biljana Plavsic als eine der wenigen Angeklagten des Tribunals ihre Schuld teilweise eingestanden und sich freiwillig gestellt hatte. Dies deute darauf hin, dass sie die Verantwortung für ihre Verbrechen angenommen habe.

          Tatsächlich hatte Frau Plavsic vor den Haager Richtern in einer beeindruckenden und ausführlichen Stellungnahme Reue bekundet: Es seien „viele tausend unschuldige Menschen“ Opfer einer „organisierten und systematischen“ Anstrengung geworden, „Muslime und Kroaten aus von Serben beanspruchten Gebieten zu entfernen“, so Frau Plavsic damals. „Das Wissen, dass ich für derartiges menschliches Leid und für die Verschmutzung des Charakters meines Volkes verantwortlich bin, wird immer mit mir sein“, sagte sie.

          Klage über Haftverhältnisse

          Weniger bekannt als der reumütige Auftritt im Haag wurde ein Interview, das die ehemalige Politikerin, die während des Krieges in Bosnien eine fanatische Fürsprecherin der „ethnischen Säuberungen“ war, unlängst der Journalistin Margaretha Nordgren von der schwedischen Monatszeitschrift „Vi Magazine“ gab. Frau Nordgren war die einzige westliche Journalistin, mit der sich Biljana Plavsic in Hinseberg traf. Als das im Januar dieses Jahres veröffentlichte Gespräch geführt wurde, war ihre vorzeitige Freilassung schon absehbar. Auch das könnte ein Grund dafür gewesen sein, dass die Journalistin eine andere Biljana Plavsic erlebte als jene, die einer staunenden Öffentlichkeit Jahre zuvor ein Bekenntnis ihrer Mitschuld an den serbischen Verbrechen in Bosnien präsentiert hatte.

          Das Interview fand im Spätherbst 2008 statt. „Wir trafen uns, um über den zweiten Teil ihrer Memoiren zu sprechen, der auch in englischer Übersetzung erschienen ist und den sie mir geschickt hatte“, erinnert sich Frau Nordgren. Einfach war die Vorbereitung des Gespräches wohl nicht, denn Biljana Plavsic verabscheut Journalisten ebenso wie die schwedische Gesellschaft, „zum Beispiel die Regel, dass alle Gefangenen gleich behandelt werden, auch wenn sie eine unterschiedliche Bildung haben“, so Frau Nordgren. „Und sie hasst die schwedische Gesellschaft für ihre Pressefreiheit, da ihre beiden abgelehnten Gnadengesuche in unseren Zeitungen veröffentlicht wurden.“ Der Journalistin gegenüber beklagte sich Biljana Plavsic zunächst, dass Hitlers Architekt Albert Speer in Spandau besser behandelt worden sei als sie in Schweden. Speer habe schließlich einen Garten gehabt, sie hingegen dürfe sich nicht mehr als eine Stunde am Tag im Freien aufhalten, lamentierte die ehemalige Politikerin, die sich einst als „eiserne Lady des Balkans“ bezeichnen ließ.

          Vor allem aber ging es ihr um den Widerruf ihres Geständnisses: „Sie gab zu, dass sie Reue über ihre vergangenen Taten nur bekundet habe, weil sie eine kürzere Gefängnisstrafe erhalten wollte. Sie sagte mir, dass sie Muslime noch immer hasse und überzeugt sei, dass Al Qaida im früheren Jugoslawien Trainingslager für 80.000 Soldaten unterhalten habe. Die Aufgabe dieser 80.000 sei es gewesen, die Zahl der Christen zu verringern, damit die Muslime im ehemaligen Jugoslawien die Macht übernehmen können“, so Frau Nordgren. Auch die (ohnehin seltsam begründete) Ansicht des Tribunals, dass die Inhaftierte bei ihrer Rehabilitation Fortschritte gemacht habe, muss man nach der Lektüre von Frau Plavsics eigenen Aussagen nicht unbedingt teilen. So heißt es in dem Dokument des Tribunals, Frau Plavsic beschäftige sich „auch mit Kochen und Backen“. Abgesehen von der Frage, was dies über ihre Einsicht in vergangene Untaten aussagt, erfuhr Frau Nordgren auch, was es mit Kücheneifer der studierten Biologin auf sich hatte: „Sie kochte selbst, weil sie nicht mit den anderen Gefangenen gemeinsam essen wollte. Es gab dort auch Muslime.“

          Über die unerträglichen Verhältnisse in Hinseberg wird die Öffentlichkeit wahrscheinlich bald mehr erfahren, denn Frau Plavsic verriet ihrer Interviewerin, dass sie bereits an einer Fortsetzung ihrer Memoiren arbeite. „Der dritte Teil wird von ihrer Zeit in Hinseberg handeln“, so Margaretha Nordgren. Der Auftakt ihrer Erinnerungen trug den Titel „Ich lege Zeugnis ab.“

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