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Kriegsopfer : Das bosnische Totenbuch

Bild: F.A.Z.

Nach fünf Jahren Forschung gibt es endlich genaue Zahlen über die Opfer des Bosnien-Krieges. Für die Region hat die Studie grundlegende Bedeutung, denn noch immer ist die politische Atmosphäre in dem Dreivölkerstaat vergiftet.

          4 Min.

          Es war nur die Vorstellung einer Studie - und dennoch eines der wichtigsten Ereignisse der bosnischen Nachkriegsgeschichte. In Sarajevo ist am Donnerstag ein Forschungswerk präsentiert worden, das künftig eine Richtschnur sein wird für alle ernsthaften Diskussionen zu Verlauf und Wesen des größten Krieges, der nach 1945 in Europa stattfand.

          Michael Martens

          Korrespondent für südosteuropäische Länder mit Sitz in Wien.

          Die Arbeit an dieser Darstellung dauerte länger als der Krieg, dem sie gilt: Fünf Jahre wurde an der Übersicht über die 1992 ausgebrochenen und Ende 1995 durch das Abkommen von Dayton beendeten Kämpfe in Bosnien-Hercegovina recherchiert. Mehr als 150 freiwillige Helfer und viele ausländische Fachleute leisteten ihren Beitrag dazu. Das Ergebnis unter dem trockenen Titel „Menschliche Verluste in Bosnien-Hercegovina“, auf einer CD-Rom vorrätig, ist die erste fundierte Übersicht über die Opferzahlen des bosnischen Krieges.

          Bosniakische Angaben als übertrieben widerlegt

          Nach Regionen, Volksgruppen und Zeitabschnitten geordnet, bietet das Werk eine Fülle von Statistiken und eine dokumentierte Übersicht über das, was im blutigsten der jugoslawischen Zerfallskriege geschah. Als Grundlage für die Ermittlungen des „Zentrums für Forschung und Dokumentation“ in Sarajevo (IDC), die hauptsächlich vom norwegischen Außenministerium finanziert wurden, dienten Zeugenbefragungen, Auswertungen von Massengräbern, Militärstatistiken, staatliche Archive, Angaben des UN-Kriegsverbrechertribunals, Fragebögen sowie schließlich auch die Zusammenarbeit mit Medien, Gemeindeverwaltungen und Flüchtlingsorganisationen.

          Dem Krieg in Bosnien, das haben die Forschungen zweifelsfrei erwiesen, fielen mindestens 97.207 Personen zum Opfer. Doch dies sind nur die unstrittig belegbaren Fälle von Ermordeten oder Vermissten. Die tatsächliche Opferzahl liegt höher, wahrscheinlich bei mehr als 100.000 Personen. Noch immer vergeht in Bosnien noch immer kaum ein Monat ohne Entdeckung eines Massengrabes.

          Überdies wurden unsicher erscheinende Fälle - etwa auf Kriegsereignisse zurückgehende Selbstmorde, Hungertote sowie Todesopfer durch mangelnde medizinische Versorgung - bei der vorliegenden Studie nicht mitgerechnet. Dennoch ist mit der neuen Statistik die lange umlaufende, aus politischen Gründen vor allem von bosniakischer Seite in die Welt gesetzte Zahl von 250.000 Opfern endgültig als übertrieben widerlegt.

          Verstorbene nachträglich zu Soldaten erklärt

          Wichtiger als die bisher genaueste Feststellung der Zahl ist aber die Zuordnung der Opfer nach ethnischer Zugehörigkeit, Herkunft und Todesdatum. Erst durch die Kombination dieser Angaben entsteht ein Bild des bosnischen Mordens, aus dem sich Ziele und Lage der Kriegsparteien ablesen lassen. Die meisten Opfer - mehr als 45.000 - kamen im ersten Kriegsjahr um, als der serbische Vertreibungskrieg begann und zugleich seinen Höhepunkt erreichte.

          Laut der Studie waren nur etwa 59 Prozent der Kriegstoten Soldaten. Die tatsächliche Zahl dürfte sogar niedriger sein, da es auf allen Seiten vorkam, dass Familien ihre Verstorbenen nachträglich zu Soldaten zu erklären versuchten. Das klang ehrenvoller, vor allem aber eröffnete es eine Chance auf Hinterbliebenenrente.

          Landstrich von allen Nichtserben „säubern“

          Die entscheidenden Zahlen: von den fast 40.000 im Bosnienkrieg getöteten Zivilisten waren mehr als 80 Prozent (muslimische) Bosniaken, und jedes dritte der zivilen Opfer kam in Bosniens Podrinje-Region zu Tode. Dieses Gebiet an Bosniens Ufer des serbisch-bosnischen Grenzflusses Drina gehört heute zur Republika Srpska (RS), der seit dem Krieg von Serben dominierten Hälfte des Landes.

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