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Aserbaidschan rückt vor : Steht die Entscheidung im Krieg um Nagornyj Karabach bevor?

Aserbaidschaner halten am 8. November in Baku eine Nationalflagge hoch und feiern nach einer Ansprache von Präsident Aliyev. Bild: dpa

Mit der Stadt Schuscha hat die aserbaidschanische Armee die Kontrolle über die wichtigste Verbindung zwischen Nagornyj Karabach und Armenien übernommen. Alijews Truppen rücken auf Stepanakert vor – angefeuert von Erdogan.

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          Noch am Montagmorgen wollte Armeniens Verteidigungsministerium keine Niederlage zugeben: Die Behauptung des aserbaidschanischen Präsidenten Ilham Alijew vom Sonntag, seine Truppen hätten die Stadt Schuscha eingenommen, sei falsch; in der Ortschaft dauerten die Kämpfe an. Am Montagnachmittag tauchte dann auf dem Facebook-Account des Sprechers der international nicht anerkannten Republik Nagornyj Karabach die Nachricht auf, Schuscha sei verloren, die aserbaidschanischen Streitkräfte seien auf dem Vormarsch auf die Hauptstadt Stepanakert. Von dem auf einem Berg gelegenen Schuscha ist das tiefere Stepanakert voll einsehbar, die Entfernung zwischen beiden Städten beträgt nur etwa zehn Kilometer. Später behaupteten armenische Offizielle in Eriwan, der Facebook-Account sei gehackt worden, noch immer seien armenische Truppen in Schuscha.

          Reinhard Veser

          Redakteur in der Politik.

          Dennoch scheint die Entscheidung im armenisch-aserbaidschanischen Krieg um Nagornyj Karabach näherzurücken, der am 27. September begonnen hat. Das von Armeniern bewohnte Gebiet hatte sich während des Zusammenbruchs der Sowjetunion Anfang der neunziger Jahre für unabhängig von Aserbaidschan erklärt. Seit einem Krieg in den Jahren 1992 bis 1994 stand die international nicht anerkannte „Republik Nagornyj Karabach“ nicht unter der Kontrolle der aserbaidschanischen Regierung.

          Die Karabach-Armenier hatten zudem sieben Bezirke rings um Karabach besetzt, aus denen die aserbaidschanische Bevölkerung, mehr als 600.000 Menschen, vertrieben worden war. Bemühungen um eine diplomatische Lösung des Konflikts unter der Führung der sogenannten „Minsk-Gruppe“ der Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (OSZE) waren ergebnislos geblieben. Schon vor dem Beginn des Kriegs Ende September war es immer wieder zu Kämpfen gekommen, zuletzt im Juli.

          Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan, der wichtigste Verbündete Aserbaidschans, sagte am Montag, der Kampf werde fortgesetzt, bis Aserbaidschan ganz Nagornyj Karabach zurückerobert habe. Die militärischen Erfolge Aserbaidschans sind maßgeblich durch von der Türkei gelieferte Drohnen möglich geworden; zudem kämpfen Söldner aus von der Türkei unterstützten Milizen in Syrien an der Seite Aserbaidschans. Daher wächst durch den Krieg der Einfluss der Türkei im ehemals sowjetischen Südkaukasus, den Russland eigentlich als sein Einflussgebiet betrachtet.

          Laut Berichten türkischer Medien hat Erdogan in einem Telefonat mit dem russischen Präsidenten Wladimir Putin die Schaffung einer bilateralen türkisch-russischen Arbeitsgruppe zur Lösung des Konflikts vorgeschlagen, die die OSZE ablösen solle. Von russischer Seite wurde nach dem Gespräch nur die beiderseitige Bereitschaft zur Kooperation bestätigt.

          Berichte über die Tötung armenischer Zivilisten

          Angesichts der mutmaßlichen Einnahme Schuschas rückt nun das Schicksal der in Karabach verbliebenen armenischen Zivilbevölkerung in den Fokus. Mit der Stadt hat die aserbaidschanische Armee auch die Kontrolle über die wichtigste Verbindung zwischen Nagornyj Karabach und Armenien übernommen. Es gibt eine zweite, längere und schlechtere Straßenverbindung, die jedoch schon kurz nach dem Beginn des Kriegs in die Reichweite der aserbaidschanischen Artillerie geraten ist. Auf diesem Weg versuchen seit Samstag offenbar Tausende armenische Zivilisten, aus Karabach nach Armenien zu fliehen. In sozialen Medien waren Bilder von Staus zu sehen, die auf dieser Straße entstanden sein sollen. In den vergangenen Wochen sind vermutlich schon etwa 100.000 der etwa 150.000 Einwohner Nagornyj Karabachs nach Armenien geflohen.

          Wie viele armenische Zivilisten bisher noch in Stepanakert und anderen armenisch kontrollierten Gebieten ausharrten, ist unklar. Aserbaidschans Präsident Ilham Alijew hat zwar mehrfach versichert, die armenische Zivilbevölkerung Karabachs könne bleiben. Doch dies stößt bei den Armeniern der Region angesichts seiner sonstigen Rhetorik nicht auf Glauben – so sprach er etwa davon, die Armenier würden „wie Hunde“ verjagt. Aus den von aserbaidschanischen Truppen eingenommenen Ortschaften in Nagornyj Karabach sind zudem einzelne Berichte über die Tötung armenischer Zivilisten nach außen gedrungen.

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