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Krieg in Somalia : Truppen ins afrikanische Chaosland

  • -Aktualisiert am

Bild: F.A.Z.

Die Afrikanische Union will mit Soldaten die Rückkehr der somalischen Regierung nach Mogadischu flankieren - eilig hat sie es nicht. Das Vorhaben erscheint eher als ein frommer Wunsch.

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          Assane Ba ist ein gesprächiger Mensch. In seiner Funktion als Sprecher der Afrikanischen Union tat er am Mitwoch abend kund, die AU werde „binnen Wochen“ Soldaten nach Somalia schicken, um die neue Regierung des Landes vor der eigenen Bevölkerung zu schützen. 2000 Soldaten aus Uganda, so Ba, stünden bereit, im Mogadischu für Ruhe und Ordnung zu sorgen.

          Der ugandischen Verteidigungsministerin indes war diese Zahl neu. Ihr Präsident habe der AU „200 Soldaten versprochen“, sagte Ruth Sentamu dem Informationsdienst der Vereinten Nationen, und überhaupt: So eilig sei die Sache ja nun auch wieder nicht.

          Erster diplomatischer Erfolg

          Assane Ba verweist mittlerweile nur noch auf das offizielle Kommunique der AU: Da ist weder von Truppenstärke die Rede noch von Mandat oder Beginn der Entsendung. Und trotzdem: Die AU ist prinzipiell bereit, zur „Unterstützung des Friedensprozesses in Somalia“ Truppen in das Chaosland am Horn von Afrika zu schicken. Womit der neue Präsident Somalias, Abdullahi Yusuf Ahmed, einen ersten diplomatischen Erfolg in seinem Krieg gegen die Warlords verbuchen kann. Mehr ist es leider nicht, denn die Verwirklichung von politischen Zielen hängt in Somalia weniger von Verhandlungsgeschick ab als von schierer Feuerkraft.

          Somalia verfügt seit Oktober vergangenen Jahres über einen neuen Präsidenten und ein neues Parlament, das aber aus Sicherheitsgründen nicht in Mogadischu, sondern in der kenianischen Hauptstadt Nairobi tagt. Angeblich will die noch zu bildende somalische Regierung spätestens Ende Januar nach Mogadischu übersiedeln, womit den Kenianern ein Stein vom Herzen fallen dürfte. Seit zwei Jahren bewirtet Kenia die zerstrittenen Nachbarn, und den wiederholten Aufforderungen, endlich die Villen, Hoteletagen und Edel-Appartements zu räumen, entzogen sich die Somalier bislang stets mit Hinweis auf die Sicherheitslage in Mogadischu.

          55.000 Milizionäre kontrollieren

          Präsident Abdullahi Yusuf Ahmed, der vor seiner Wahl Präsident der autonomen Region Puntland im Nordosten Somalias war, hatte unmittelbar nach seiner Wahl 20000 ausländische Soldaten zur Befriedung des Landes gefordert und den Kriegsherren in der Hauptstadt Mogadischu gedroht, sie „ins Meer zu treiben“, sollten sie ihrer Entwaffnung nicht zustimmen - denselben Kriegsherren übrigens, die zuvor an seiner Wahl beteiligt waren und im Austausch gegen Bares für Abdullahi Yusuf Ahmed gestimmt hatten.

          Nach groben Schätzungen wird das seit 1991 in einen permanenten Bürgerkrieg verstrickte Land gegenwärtig von 55.000 Milizionären kontrolliert. Die Zahl der im Umlauf befindlichen Feuerwaffen wiederum wird auf mindestens zwei Millionen Stück geschätzt, wobei nicht klar ist, ob auch die schweren, auf Lastwagen montierten Geschütze mitgerechnet sind, die längst zu Statussymbolen von Kriegsherren wie Geschäftsleuten geworden sind. Unlängst mußte das erste Schiff, das seit zehn Jahren den Hafen von Mogadischu angelaufen war, schleunigst den Anker lichten, als es von einem solchen Geschütz unter Feuer genommen worden war. Der örtliche Kriegsherr war der Ansicht gewesen, nicht ausreichend am Gewinn der Schiffsladung beteiligt worden zu sein. Da seine Kanonen größer waren als die der Geschäftsleute, die das Schiff gechartert hatten, blieb er Sieger.

          Bestenfalls ein frommer Wunsch

          Angesichts solcher Zustände erscheint eine erzwungene Entwaffnung der Milizionäre durch AU-Truppen bestenfalls als frommer Wunsch. Nicht einmal der amerikanischen Armee war es seinerzeit gelungen, die Kriegsherren kaltzustellen. Im Gegenteil. Nach dem Tod von achtzehn amerikanischen Soldaten beendete Präsident Clinton hastig die Operation „Restore Hope“. Zudem demonstriert die AU bei ihrem Einsatz in Darfur nahezu täglich die Grenzen ihrer Leistungsfähigkeit. Von den geplanten 3200 Soldaten sind bislang nur 1000 in der westsudanesischen Region eingetroffen, und die haben sich bis auf weiteres eingeigelt, nachdem einer ihrer Hubschrauber beschossen worden war. Wie sich eine solche Truppe in Mogadischu schlagen würde, stellt man sich lieber gar nicht vor.

          Dabei findet die Idee, ausländische Truppen nach Mogadischu zu entsenden, breite Zustimmung bei der somalischen Bevölkerung. Aber die hat leider nichts zu sagen, weil sie Geisel der zahlreichen Milizen der Stadt ist. Die Kriegsherren wiederum lehnen eine solche Armee mit Blick auf ihre Geschäftsinteressen rundweg ab. Schließlich ist Mogadischu fest in Händen des Clans der Hawiye, der neue Präsident aber ist ein Daarood aus dem Norden, der die Ausländer nur benutzen wolle, die Hawiye an den lukrativen Schutzgelderpressungen zu hindern. Der in Mogadischu einflußreiche Scheich Hassan Dahir Aweys, der als hartleibiger Islamist mit Verbindungen zu Al Qaida gilt, hatte vorsorglich einen Dschihad für den Fall angekündigt, daß ausländische Truppen in der Stadt auftauchen würden. Ganz nebenher ist der Scheich ein erfolgreicher Geschäftsmann und schon deshalb politisch eine ernstzunehmende Figur, weil er die Scharia-Gerichte der Stadt kontrolliert und damit großen gesellschaftlichen Einfluß ausübt - den er natürlich nicht teilen mag.

          Dämpfer für Ghedi

          Abdullahi Yusuf Ahmed hatte versucht, diesem Konflikt die Spitze zu nehmen, als er den Hawiye Ali Mohammed Ghedi zum Ministerpräsidenten der neuen Regierung ernannte. Ghedi schien ideal: akademisch gebildet, was einen wohltuenden Kontrast zu jener Hälfte des strikt nach Clanzugehörigkeit gebildeten Parlaments setzt, die weder lesen noch schreiben kann; in Mogadischu geboren, ohne je einem der örtlichen Totschlägerklubs angehört zu haben; ehemaliger Funktionär der „Organisation für afrikanische Einheit“ (OAU) und als solcher international gut „vernetzt“.

          Gleichwohl erhielt auch Ghedi bereits den ersten Dämpfer. Als er sich vergangene Woche nach Somalia aufmachen wollte, um die Ausmaße der Flutkatastrophe an der Küste zu inspizieren, wurde ihm dringend abgeraten, sich in Mogadischu blicken zu lassen - aus Sicherheitsgründen.

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