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Krieg in Libyen : Was die Eroberung Sirtes durch Haftars Truppen bedeutet

Ahmad al-Mesmari, ein Sprecher des libyschen Generals Chalifa Haftar bei einem Pressestatement in Benghazi Bild: AFP

Nur wenige Tage nachdem die Türkei militärische Kräfte zur Unterstützung seiner Gegner entsandte, erobert der libysche General Haftar die Stadt Sirte. Für die internationalen Vermittler ist das eine schlechte Nachricht.

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          Chalifa Haftar hat einen dramaturgisch günstigen Zeitpunkt gewählt, um eine neue Front im Libyen-Krieg zu eröffnen. Gerade haben sich türkische Militärs auf den Weg nach Libyen gemacht, um das Lager seiner Gegner zu unterstützen. Der Libyen-Sondergesandte der Vereinten Nationen, Ghassan Salamé, unterrichtete den UN-Sicherheitsrat am Montag über die Lage im Land und erklärte wieder einmal, dass es keine militärische Lösung geben könne. Haftar blies zum Angriff auf die Küstenstadt Sirte. Ein Sprecher seiner „Libyschen Nationalen Armee“ verkündete schon am Montagabend im Fernsehen, Sirte sei „vollständig befreit“ und werde von „Milizen gesäubert“.

          Christoph Ehrhardt

          Korrespondent für die arabischen Länder mit Sitz in Beirut.

          Für die internationalen Vermittler ist Haftars Vormarsch in Sirte eine schlechte Nachricht. „Während ich hier mit Ihnen spreche, wird die Lage ernster“, sagte Salamé in New York mit Blick auf die Kämpfe in Sirte. Die Stimmung dürfte entsprechend gewesen sein, als der deutsche Außenminister Heiko Maas am Dienstagmittag nach Brüssel aufbrach, um mit den Außenministern Frankreichs, Großbritanniens und Italiens sowie dem Hohen Vertreter der EU über die Lage in Libyen zu sprechen. Eine Verhandlungslösung ist nun in noch weitere Ferne gerückt. Und auch die Versuche, im Rahmen des „Berliner Prozesses“ die ausländische Unterstützung für die Kriegsparteien einzudämmen, um bessere Bedingungen für Gespräche der libyschen Akteure zu schaffen, dürften einen Rückschlag erlitten haben.

          Seit April vergangenen Jahres führt der Militärführer aus dem Osten Libyens im Westen des Landes einen Feldzug gegen die unter UN-Vermittlung eingesetzte „Regierung der Nationalen Übereinkunft“. In der Hauptstadt Tripolis tobt seit jeher ein zerstörerischer Stellungskrieg, es gibt regelmäßig Luft- und Drohnenangriffe. Der Konflikt hat sich trotz eines Waffenembargos längst zu einem Stellvertreterkrieg ausgeweitet. Haftar erhält Hilfe unter anderem aus den Vereinigten Arabischen Emiraten, Russland oder Ägypten. Die Übereinkunftsregierung von Fajez Sarradsch wird seit langem aus der Türkei unterstützt und hat gerade erst ein Militärabkommen mit Ankara geschlossen.

          „Lasst die Finger von Libyen“

          Salamé appellierte in New York abermals an die ausländischen Unterstützer: „Lasst die Finger von Libyen.“ Es könnte nun das Gegenteil eintreten. Nicht nur, weil Haftar und Verbündete nun ermutigt sein dürften. „Der Einmarsch in Sirte ist eindeutig eine schmerzliche Niederlage für die Anti-Haftar-Kräfte und erhöht aus Sicht der Regierung in Tripolis die Dringlichkeit türkischer Unterstützung“, sagt Wolfram Lacher, Libyen-Fachmann der Stiftung Wissenschaft und Politik.

          Sirte war von Milizen aus der Stadt Misrata kontrolliert worden, die maßgeblich daran beteiligt waren, die Dschihadisten der Terrormiliz „Islamischer Staat“ (IS) 2016 in einem verlustreichen Abnutzungskampf aus der Stadt zu vertreiben. Sie hatten sich im Zuge des Rückeroberungsfeldzugs der Übereinkunftsregierung unterstellt. Schlagkräftige Brigaden aus Misrata sind ein maßgeblicher Bestandteil der Allianz gegen Haftar, mit dem die Stadt eine tiefe Feindschaft verbindet. Der Flughafen von Misrata und der Hafen sind strategisch von großer Bedeutung.

          Sirte war für die misratischen Milizen immer schwieriges Terrain. Die Bevölkerung unterstützte sie kaum, denn Sirte ist die Heimatstadt des 2011 gestürzten Gewaltherrschers Muammar al Gaddafi und gehörte zu den Verlierern des Aufstands – anders als die Revolutionshochburg Misrata. Es herrschte Unzufriedenheit, weil die Stadt nach dem Krieg gegen den IS nur schwer wieder auf die Beine kam. Funktionäre der Verwaltung beklagten mangelnde Unterstützung aus Tripolis, ebenso wie Milizionäre und Geheimdienstoffiziere. Haftar war es offenbar gelungen, einige Frustrierte auf seine Seite zu ziehen. Jetzt sind seine Milizen ein weiteres Stück an Misrata herangerückt. „Es werden deswegen keine Kämpfer von der Tripolis-Front abgezogen. Das ist doch, was sie wollen“, sagte ein Milizkommandeur aus Misrata am Telefon, nachdem sich die Kämpfe auf Gegenden im Westen Sirtes verlagerten.

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