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Krieg im Nordkaukasus : Russlands Zone der Ohnmacht

  • -Aktualisiert am

Bild: dpa

Schon mehrfach erklärte Moskau den Krieg im Nordkaukasus für beendet. Tatsächlich wird er für den Kreml immer unkontrollierbarer. Denn den Islamisten gelingt es, den Terror in die russischen Städte zu tragen.

          Im Nordkaukasus herrscht seit Jahren Bürgerkrieg – ein Krieg zwischen den russischen Sicherheitskräften und den bewaffneten Formationen der Geheimdienste FSB sowie GRU auf der einen und dem zum größten Teil islamistisch geprägten Untergrund auf der anderen Seite. Zwischen die Fronten gerät dabei immer wieder die Zivilbevölkerung, die vor allem unter den Sicherheitskräften leidet.

          Diese gehen oft genug auf bloßen Verdacht äußerst rigoros gegen mutmaßliche Aufständische vor, entführen und foltern oftmals junge Männer, was ein Grund für den Zulauf zu den Kämpfern in den Wäldern ist. Deren Anführer drohen regelmäßig damit, den Krieg aus dem Kaukasus in die russischen Städte zu tragen, was ihnen mit schrecklichen Anschlägen immer wieder gelingt. Bestätigt sich die kaukasische Spur (woran in Russland kaum jemand zweifelt), dann ist der Anschlag im Flughafen Domodedowo ein weiterer Fall.

          Immer mehr Terrorakte

          Die Statistik zeigt, dass der von Moskau schon mehrmals für beendet erklärte Krieg im Kaukasus nicht nur immer weiter geht, sondern sogar wieder an Intensität zunimmt. Der stellvertretende Generalstaatsanwalt Iwan Sydoruk sprach Ende des Jahres davon, dass die Zahl der Terrorakte in der nordkaukasischen Region im vergangenen Jahr im Vergleich zum Jahr 2009 um einhundert Prozent zugenommen habe. Das russische Innenministerium zählte 609 Anschläge im vergangenen Jahr, bei denen 242 Angehörige der Sicherheitskräfte getötet und 620 verletzt wurden. Aus der Zivilbevölkerung wurden 127 Menschen getötet und 536 verletzt.

          In den vergangenen beiden Jahren hat Präsident Dmitrij Medwedjew versucht, die Kaukasus-Politik seines Vorgängers Wladimir Putin zu korrigieren, der zur Bekämpfung von Separatismus und Islamismus fast ausschließlich auf Gewalt setzte. Medwedjew will die Region auch dadurch befrieden, dass er viel Geld zu ihrer wirtschaftlichen Entwicklung einsetzt. Dadurch – so die Idee – sollen Arbeitsplätze in dieser ärmsten Region Russlands geschaffen werden, um der Jugend eine Perspektive zu geben und ihre Anfälligkeit für islamistische Verführer zu mindern. Zu großen Fortschritten hat das bisher nicht geführt, obwohl es gewaltige Geldtransfers gibt:

          Der Haushalt Tschetscheniens wird zu mehr als neunzig Prozent aus Moskau gedeckt, der von Inguschetien zu mehr als 80 Prozent und der Dagestans zu gut 65 Prozent. Die Regierungen in den nordkaukasischen Teilrepubliken sind aber nicht bereit, die Zahl der Staatsdiener zu verringern, und Unternehmer aus Kernrussland wollen dort nicht tätig werden, obwohl das russische Finanzministerium für 70 Prozent ihrer Investitionen garantiert. Das verwundert nicht, denn auch Geschäftsleute stehen dort zwischen den Fronten: Sie werden gezwungen, Schutzgeld sowohl an die Sicherheitskräfte als auch an die Untergrundkämpfer zu zahlen und sind generell der Willkür beider Seiten ausgesetzt.

          Prozess einer „Derussifizierung“

          Medwedjews neue Kaukasus-Politik soll der frühere Gouverneur von Krasnojarsk und bewährte Industriemanager Aleksandr Chloponin verwirklichen, den Medwedjew vor einem Jahr zum Bevollmächtigten des neuen Föderationsbezirkes Nordkaukasus ernannte. Beim territorialen Zuschnitt der neuen Verwaltungseinheit wurde das überwiegend russisch besiedelte Gebiet Stawropol dem Nordkaukasus zugeschlagen, wahrscheinlich in der Hoffnung, dadurch den Einfluss einer loyalen Bevölkerungsgruppe in der gesamten Region zu stärken.

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