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Kein Ende der Gewalt im Jemen : Der Preis der Kompromisslosigkeit

Kämpfer der schiitischen Houthi-Rebellen in Sanaa auf einem Foto vom September 2019. Bild: AP

Saudi-Arabien sucht nach einem gesichtswahrenden Ausstieg aus dem Krieg im Jemen. Aber auch beim Weg zum Frieden blockieren die Kriegsparteien einander. Den Preis zahlt die Bevölkerung – und jetzt droht noch die Corona-Pandemie.

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          Die Ernüchterung ließ nicht lange auf sich warten. Am Mittwoch hatte ein saudischer Militärsprecher verkündet, die Militärkoalition werde ihren Jemen-Feldzug gegen die Houthi-Rebellen für zwei Wochen einstellen. Der Kampf gegen die Corona-Pandemie sei dringlicher, der einseitige Waffenstillstand solle den Weg ebnen für neue Friedensgespräche. Der stellvertretende Verteidigungsminister Khalid Bin Salman kündigte an, das Königreich werde den Vereinten Nationen 500 Millionen Dollar für humanitäre Hilfe im Jemen bereitstellen und zusätzlich 25 Millionen Dollar für den Kampf gegen die Pandemie.

          Christoph Ehrhardt

          Korrespondent für die arabischen Länder mit Sitz in Beirut.

          Der UN-Sondergesandte Martin Griffiths äußerte die Hoffnung, der saudische Vorstoß könne neuen Gesprächen den Weg bereiten, und verlangte von den Konfliktparteien, die Gelegenheit zu nutzen. Doch am Freitag berichtete ein jemenitischer Sicherheitsexperte in Sanaa: „Kurz gesagt: es gibt keinen Waffenstillstand.“ Es gebe unverändert Gefechte und Luftangriffe. Houthi-Vertreter sprachen von einem „politischen Manöver“ ihrer Widersacher.

          Mehr als fünf Jahre dauert der Krieg im Jemen schon an. Auf der einen Seite stehen die von Iran unterstützten Houthi, die weite Teile des Nordens und die Hauptstadt Sanaa kontrollieren. Auf der anderen Seite die von Riad angeführte Allianz, zu der die nominelle jemenitische Regierung von Präsident Abd Rabbo Mansur Hadi gehört, die von den Houthi in den Süden verdrängt wurde.

          Die Houthi wollen einen Deal, aber kein Kompromisse

          Schon länger heißt es von westlichen Diplomaten, die saudische Führung suche eine gesichtswahrende Exit-Strategie aus einem Krieg, der nicht nur die Staatskassen belastet, sondern auch den Ruf des Königreichs. Dessen Luftwaffe trifft immer wieder Zivilisten, und der erfolgsarme Feldzug ist zu einem Sinnbild für Scheitern und Selbstüberschätzung der saudischen Außenpolitik geworden. Das Virus wäre ein guter Vorwand, ihn jetzt zu beenden. Zumal Sars-CoV-2, wie die „New York Times“ berichtete, inzwischen im inneren Kreis der Königsfamilie angekommen ist: Prinz Faisal Bin Bandar, Gouverneur von Riad, sei einer von etwa 150 infizierten Mitgliedern. Er werde auf der Intensivstation behandelt. König Salman und Kronprinz Muhammad regieren längst von entlegenen Sitzen am Roten Meer aus.

          Außerdem wird die saudische Wirtschaft durch die Corona-Krise hart getroffen; der Ölpreis ist während der Krise in den Keller gerutscht, was noch durch einen Preiskrieg mit Russland befeuert wurde. Einen Waffenstillstand zu verkünden hatte aus saudischer Sicht außerdem den Vorteil, im Zweifel den Houthi die Schuld geben zu können, wenn die Gewalt andauert.

          Nur hatten die Houthi an einem eigenen Plan gearbeitet, und es schien fast so, als habe es ein Rennen der Vorstöße gegeben. Die ersten Agenturmeldungen nach der saudischen Pressekonferenz waren kaum verschickt, da verbreitete ein Führer der Rebellen über Twitter eine eigene Friedensinitiative. Das Papier machte deutlich, warum die Hoffnung auf Frieden gering ist: Die Houthi sind zwar bereit für einen Deal – aber nicht für Kompromisse. So spiegelt der Plan, der unter anderem ein sofortiges Ende der Blockade und Reparationszahlungen durch die Anti-Houthi-Koalition vorsieht, eine Haltung wider, die ein gut vernetzter Beobachter in Sanaa vor einigen Tagen in die Worte fasste: „Sie wollen ihr unabhängiges Reich im Norden – am besten bezahlt von den Saudis.“

          In jedem Fall müssen es die Houthi nicht eilig haben. Sie haben die Erfahrung gemacht, dass sie sich militärisch behaupten können und mit fortschreitender Dauer des Konflikts eher stärker werden. Zuletzt konnten die schiitischen Rebellen sogar wichtige Geländegewinne erzielen und bedrohen die Provinz Marib und deren Hauptstadt, die eine der wenigen Erfolgsgeschichten der Kriegsjahre geschrieben hat. Dort sprechen Funktionäre schon von einer „existentiellen Schlacht“, die bevorstehe.

          Der Kronprinz will nicht als Verlierer dastehen

          Dass die Houthi ihren Widersachern einen Handel nach ihren Bedingungen so einfach aufzwingen können, wird unter Diplomaten, die mit den Vermittlungsbemühungen befasst sind, bezweifelt. Der saudische Kronprinz Muhammad Bin Salman, der Architekt des Jemen-Feldzugs, sei keiner, der sich aus einem Konflikt zurückziehe, wenn er als Verlierer dastehen könnte, heißt es.

          Den Preis für jedwede Kompromisslosigkeit zahlen vor allem die Jemeniten, deren Land weiter verarmt und verfällt, je länger der Konflikt andauert. Und zu allem Überfluss waren die Berichte über die andauernde Gewalt nicht die einzige schlechte Nachricht des Freitags. Am Morgen wurde in der südlichen Provinz die erste Corona-Infektion gemeldet. Amr Al Beidh, ein Vertreter aus der Führungsriege der südjemenitischen Separatisten, schlug Alarm. „Wir brauchen dringen Hilfe der internationalen Gemeinschaft – vor allem Test- und Beatmungsgeräte“, sagte er. In der Hafenstadt Aden, wo mehr als eine Million Menschen leben, gebe es davon gerade einmal acht.

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