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Oppositionsdemo in Moskau : Wie cool war Putin als Teenager?

Mahnende Appelle von Lehrern und Dozenten

Aus vielen Teilen des Landes wird über mahnende Appelle von Lehrern und Dozenten berichtet. Besonders wichtig sei, dass „die Jugend nicht an der Oppositionsdemonstration am 12. Juni teilnimmt“, hieß es nun etwa aus Samara. In der gut tausend Kilometer südöstlich von Moskau gelegenen Stadt waren kurz nach den Protesten 2500 Personen, vor allem Schüler und Studenten, vom örtlichen Gouverneur zu einem Forum namens „Nein zum Extremismus“ versammelt worden. Man zeigte ihnen einen Film, der Nawalnyj in eine Reihe mit Hitler sowie Henkern des „Islamischen Staats“ stellt. Im April erschien ein weiteres, aufwendig produziertes Video, das Nawalnyj als „neuen Hitler“ darstellte. Der Spott war noch größer als bei den Musikvideos.

Den Online-Nachholbedarf des Politpersonals illustrierte eine Debatte über Jugendpolitik in der Duma, dem Unterhaus, zu dem eine 19 Jahre alte Videobloggerin geladen worden war. Sie sehe sich als „Vermittlerin zwischen dem Staat und der Gemeinschaft, zu der ich gehöre“, sagte die junge Frau, riet den Abgeordneten, „transparent zu werden“ und selbst Videos aufzunehmen. Die Jugend wolle „mehr über Präsident Putin erfahren, wie er in unserem Alter war“, sagte sie. Die Zeitung „Wedomosti“ berichtete am Donnerstag, „Jugend“ solle ein „wichtiges Thema“ im Präsidentenwahlkampf werden. Der Politveteran Boris Gryslow, der als Sprecher der Duma einst den Satz prägte, „das Parlament ist kein Ort für Diskussionen“, sagte, die Regierungspartei „Einiges Russland“ müsse mehr mit der Jugend arbeiten, auf dass sie „gewissenlose Politiker“ nicht benutzten. Korruption soll thematisiert werden, wobei Enthüllungen „in der Presse“ freilich „populistisch“ seien, wie es Putins Sprecher ausdrückte.

Elite gilt als unantastbar

Dabei sind Vertreter der Elite so lange unantastbar, wie sie der Macht genehm sind; ihre Mitglieder entziehen sich traditionell der Debatte und erscheinen in der Öffentlichkeit nur als Gönner, die Gutes tun. Doch seit den Märzprotesten gilt diese Regel nicht mehr. Großen Nachhall hatten zwei Videobotschaften Alischer Usmanows, eines Milliardärs, dem Nawalnyj eine Grundstück-Schenkung an eine der scheinkaritativen Stiftungen Medwedjews vorwirft. Üblicherweise vermieden es Vertreter der Macht, Nawalnyj überhaupt beim Namen zu nennen. Dann kam Usmanow. In einem Mitte Mai veröffentlichten, auf seiner Luxusyacht „Dilbar“ aufgenommenen Video duzte der korpulente Mann mit runder Brille Nawalnyj und forderte ihn teils unflätig auf, sich zu entschuldigen. Nawalnyj verbreitete die Videobotschaft Usmanows weiter, forderte den Milliardär per Sie zu einer Debatte auf, was dieser im zweiten Video zurückwies und nach einem Fluch sagte, man werde vor Gericht debattieren.

Dort siegte erwartungsgemäß Usmanow: Das Gericht trug Nawalnyj auf, seine Veröffentlichungen über den Milliardär zu löschen, was Nawalnyj verweigert. Welche Folgen das haben wird, ist unklar. Für den Oppositionellen ist schon der Riss in der Außendarstellung der Macht ein Erfolg: Sie gibt sich kalt, technisch und exakt wie Putin, hat nun aber ein Gesicht wie Usmanow in den Videos: alt, fleischig und ziemlich wütend.

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