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Kreml gegen Memorial : Auf der Seite Stalins oder der unschuldigen Opfer?

Bald selbst Geschichte? Das Archivbüro von Memorial in Moskau Bild: Maximilian von Lachner

Der Kreml geht gegen Memorial vor, die Keimzelle der russischen Zivilgesellschaft. Bedroht ist damit auch das Archiv von Erinnerungsstücken an den Staatsterror. Ein Besuch bei den Menschenrechtlern in Moskau.

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          Es ist nicht viel bekannt über die Frau, die die winzigen Fäustlinge gestrickt hat. Zartbraun sind sie, mit roten Bündchen und so klein, dass sie einer Miniaturpuppe passen könnten. Aber nicht dem Kind, das die Gefangene nicht bekommen durfte. Von ihr ist nur der Nachname überliefert: Trawnikowa. Sie war in einem Straflager im sibirischen Gebiet Irkutsk inhaftiert, wurde schwanger und im fünften Monat einer Zwangsabtreibung unterzogen, die auch für sie tödlich war. Die Sterbende strickte die Fäustlinge; eine andere Gefangene, die auf der Krankenstation als Putzfrau arbeitete, gab sie Jahrzehnte später den Menschenrechtlern von Memorial.

          Friedrich Schmidt
          Politischer Korrespondent für Russland und die GUS in Moskau.

          Daher weiß man über die Putzfrau viel mehr: Alla Berjoskina war eigentlich Ingenieurin aus Leningrad. Sie wurde während der Blockade der Stadt durch die Wehrmacht im Zweiten Weltkrieg mit ihrer Familie in den Kaukasus vermeintlich in Sicherheit gebracht, geriet in Gefangenschaft, wurde verschleppt und in Deutschland zur Arbeit gezwungen. Da Stalin „Ostarbeiterinnen“ wie sie als Verräter verfolgen ließ, kam Alla Berjoskina nach der Rückkehr in die Sowjetunion in Lagerhaft. Von ihr stammen Zeichnungen von Mitgefangenen wie die einer Frau mit eng anliegendem Haar und ausgezehrtem Gesicht; ihre dunklen Augen blicken traurig, verschreckt, verloren.

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