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Kosovo : Der Präsident auf der Anklagebank

Hashim Thaci Bild: EPA

Dass endlich die Rolle der „Befreiungsarmee Kosovo“ juristisch untersucht wird, ist zu begrüßen. Aus Belgrad war man ein anderes Verhalten von Angeklagten gewohnt.

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          Jahrzehnte hat es gedauert, doch nun muss sich Hashim Thaci, bis zum Donnerstag Staatspräsident des Kosovos, tatsächlich wegen Kriegsverbrechen vor Gericht in Den Haag verantworten. Das ist eine gute Nachricht, auch wenn selbstverständlich für Thaci einstweilen die Unschuldsvermutung zu gelten hat wie für jeden anderen Angeklagten.

          Doch bei aller Klarheit über die Rollenverteilung in den neunziger Jahren – Serbien als Aggressor bedrängte die Kosovo-Albaner – war es verstörend, dass die Verbrechen der kosovo-albanischen Freischärler, die es unzweifelhaft auch gegeben hatte, so lange ungesühnt blieben. Wenn nun ein ernsthafter Versuch unternommen wird, die Rolle der „Befreiungsarmee Kosovo“ in den neunziger Jahren juristisch zu untersuchen, dann ist das auf jeden Fall zu begrüßen. Die Archive des aufgelösten UN-Kriegsverbrechertribunals für das ehemalige Jugoslawien enthalten abertausend Seiten von Aussagen und Dokumenten, die eine ungemein wertvolle Quelle sind. Doch wichtiger wäre es natürlich, den Nachweis zu erbringen, wer für die Verbrechen an Serben und Kosovo-Albanern verantwortlich ist, welche Thacis Freischärler begangen haben.

          Immerhin hat sich die kosovarische Elite – nicht nur Thaci wurde angeklagt – im Umgang mit dem Tribunal nun sehr verantwortungsvoll gezeigt. Thaci trat umgehend zurück, er beschimpfte auch das Gericht nicht, sondern gab sich kooperativ. Aus Belgrad war man ein anderes Verhalten von Angeklagten gewohnt.

          Michael Martens

          Korrespondent für südosteuropäische Länder mit Sitz in Wien.

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