https://www.faz.net/-gpf-nzlf

Kosovo : Wer mit wem in Wien

Harri Holkeri, UN-Beauftragter für den Kosovo Bild: EPA

Mitte Oktober sollen sich Serben und Albaner an einen Tisch setzen. Unabhängig von dem Verlauf des Treffens wird damit ein neuer Abschnitt in den Beziehungen verfeindeten Parteien beginnen.

          3 Min.

          In Wien soll Mitte Oktober - vorgesehen ist bisher der 14. - der seit Monaten vorbereitete Dialog zwischen Politikern Serbiens und des Kosovos beginnen. Unabhängig von dem Verlauf des Treffens wird damit ein neuer Abschnitt in den Beziehungen der einander mißtrauisch bis feindlich gegenüberstehenden Parteien beginnen. Denn geredet hat man nach dem Ende des Nato-Luftkrieges um das seit 1999 von den Vereinten Nationen verwaltete Gebiet nicht mehr miteinander - und von einem friedlichen Meinungsaustausch konnte auch vorher nicht die Rede sein, denn da wüteten noch die Schergen des Belgrader Despoten Milosevic in der formal zu Serbien und Montenegro gehörenden Provinz.

          Michael Martens
          Korrespondent für südosteuropäische Länder mit Sitz in Wien.

          Der damalige Chef der UN-Verwaltung im Kosovo, Michael Steiner, hatte die baldige Aufnahme von serbisch-albanischen Gesprächen schon nach dem EU-Gipfel in Thessaloniki im Juni verkündet, doch kam es dann immer wieder zu Verzögerungen. Wenn nun bald über die serbisch-kosovarische Verwaltungsgrenze und den tiefen ethnischen Graben hinweg miteinander geredet wird, gilt das als erstes greifbares Ergebnis der Arbeit des neuen Chefs der UN-Übergangsverwaltung im Kosovo (Unmik), Harri Holkeri. Der Finne hatte gleich zu Beginn seiner Tätigkeit in diesem Sommer unter anderem in Moskau, Brüssel und zuletzt in New York Gespräche mit den wichtigen internationalen Entscheidungsträgern geführt, um von allen Seiten Unterstützung für das Treffen der Delegationen aus Belgrad und Prishtina zu erhalten.

          Unabhängigkeit ausgeklammert

          Die wichtigste Frage des Kosovos - die nach dem künftigen Status der Provinz, dessen albanische Bevölkerungsmehrheit die endgültige Unabhängigkeit von Serbien fordert - soll in Wien jedoch ausgeklammert werden. Holkeri hat in den vergangenen Wochen immer darauf hingewiesen, daß nur der Sicherheitsrat festlegen dürfe, was aus dem UN-Protektorat werden wird - ein unabhängiger Staat etwa oder ein autonomer Bestandteil Serbiens. Bekannt ist allerdings auch, daß eine erzwungene Rückkehr unter Belgrader Oberhoheit im Kosovo zwar von der weniger als zehn Prozent umfassenden serbischen Minderheit begrüßt würde, bei den Albanern der etwa zwei Millionen Einwohner zählenden Provinz jedoch auf Widerstand jeglicher Art stieße.

          Auf neutralem Boden in Österreich sollen die Politiker beider Seiten nach dem Willen der Unmik daher zunächst nach Lösungen von "technischen Fragen" beiderseitigen Interesses suchen - so bei der Zusammenarbeit in der Energiepolitik und im Verkehrswesen, der gegenseitigen Anerkennung von Hochschulabschlüssen oder der Rückkehr von Flüchtlingen, die das Kosovo 1999 verließen. Gespräche darüber gälten in jedem Falle als Erfolg, doch stehen ihnen viele Schwierigkeiten entgegen, denn Serben und Albaner haben ihre eigenen, widersprüchlichen Tagesordnungen.

          Umstritten ist schon die Frage, wer in Wien mit wem sprechen soll. Um die Bedeutung hervorzuheben, welche die Staatengemeinschaft und vor allem die EU den Gesprächen beimißt, möchte Holkeri zum Auftakt mehrere von deren wichtigen Repräsentanten in Wien versammeln: Aus Brüssel sollen Außenkommissar Patten und der Außenpolitikbeauftragte Solana kommen, von der Nato wird ihr scheidender Generalsekretär Robertson erwartet. In Serbien, wo es nach offizieller Lesart um Gespräche nicht zwischen gleichberechtigten Partnern, sondern von der Zentrale mit einer abtrünnigen Provinz geht, möchte man die Gespräche dagegen nicht auf höchstem personellen Niveau ansiedeln.

          Widerwilliger Dialog

          Denn schickt man etwa den Präsidenten von Serbien und Montenegro, Marovic, zu einem historischen Handschlag mit Ibrahim Rugova, dem Übergangspräsidenten des Kosovos, könnte das als serbische Anerkennung kosovarischer Gleichberechtigung gesehen werden. Diesen Eindruck will man in Belgrad vermeiden, zumal die Gespräche nach dem politischen und öffentlichkeitswirksamen Beginn in Wien ohnehin von Fachleuten fortgesetzt werden sollen - möglichst sogar in der Region selbst, also abwechselnd in Belgrad und Prishtina.

          Doch auch dort steht man dem Dialog, so wie er geplant ist, reserviert gegenüber. Die größte lokale Zeitung, "Koha Ditore", berichtete in der vergangenen Woche, daß auch nach einem vorbereitenden Treffen Holkeris mit den führenden Politikern der Kosovo-Albaner in Prishtina keine Einigkeit über die Teilnahme an den Gesprächen in Wien bestehe. Präsident Rugova habe gesagt, ein Dialog sei kein vorrangiges Thema, Regierungschef Rexhepi außerdem mitgeteilt, er wolle nur nach ausdrücklicher Zustimmung durch das Parlament in Prishtina nach Wien fahren, berichtete das häufig gut informierte Blatt.

          Zwar bestehen kaum Zweifel, daß sich Serben und Albaner dem internationalen Druck beugen und an einen Tisch setzen werden, zumal auch die Vereinigten Staaten, die in Wien ebenfalls durch einen ranghohen Repräsentanten vertreten sein wollen, sie dazu drängen. Doch reden müssen sie selbst miteinander - und dabei Rücksicht auf ihre Wähler nehmen: In Serbien und im Kosovo stehen im kommenden Jahr Parlamentswahlen an. Wer bei seiner Klientel den Eindruck erweckt, der Gegenseite Zugeständnisse zu machen oder die Interessen des eigenen Volkes nicht entschieden zu verteidigen, dürfte das bei der Abstimmung zu spüren bekommen.

          Weitere Themen

          Neues Ermittlungsverfahren gegen Nawalny Video-Seite öffnen

          Russland : Neues Ermittlungsverfahren gegen Nawalny

          Russland verschärft das Vorgehen gegen den aktuell inhaftierten Kreml-Kritiker Alexej Nawalny. Ihm wird vorgeworfen, Anführer einer extremistischen Organisation zu sein.

          Machtprobe

          Laschet und die Union : Machtprobe

          Ein turbulenter Tag für die Union: CSU-Chef Söder spricht Olaf Scholz die besten Chancen aufs Kanzleramt zu – und Armin Laschet wird von den eigenen Leuten herausgefordert.

          Topmeldungen

          Hatte einmal mehr keinen leichten Tag: Armin Laschet

          Laschet und die Union : Machtprobe

          Ein turbulenter Tag für die Union: CSU-Chef Söder spricht Olaf Scholz die besten Chancen aufs Kanzleramt zu – und Armin Laschet wird von den eigenen Leuten herausgefordert.
          Winfried Kretschmann am Dienstag in Stuttgart.

          Zu wenige Gemeinsamkeiten? : Kretschmann zweifelt an der Ampel

          Bei den Grünen sind viele für ein Bündnis mit der SPD. Doch der grüne Ministerpräsident von Baden-Württemberg hadert mit einer Koalition, die von den Sozialdemokraten angeführt wird. Die Union wäre ihm als Partner lieber.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.