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Kosovo : Nach dem Sturm

Internationale Truppen versuchen im Kosovo für Ruhe zu sorgen Bild: AP

In manchen Dörfern ist nichts geschehen, andernorts wurden Häuser gezielt niedergebrannt. Eine Einschätzung der Lage in den serbischen Enklaven im Kosovo.

          5 Min.

          Still liegen viele serbische Enklaven und Weiler im Kosovo in diesen Tagen. Trotzig flattert in Gracanica, wenige Kilometer südwestlich der kosovarischen Hauptstadt Prishtina, die serbische Flagge im Wind, es sind auch durchaus Leute auf den Straßen. Doch als geschäftige Normalität läßt sich das Treiben in den serbisch besiedelten Orten auf dem Amselfeld spätestens seit Mittwoch der vergangenen Woche kaum beschreiben. In Gracanica zeigt das allein die starke Präsenz schwedischer Soldaten der internationalen Friedenstruppe Kfor, es wird deutlich durch die noch rostfrei blinkenden Stacheldrahtrollen an den Ortszufahrten und auf der Mauer des serbischen Klosters.

          Michael Martens
          Korrespondent für südosteuropäische Länder mit Sitz in Wien.

          Auch in dem benachbarten serbisch dominierten Ort Caglavica, wo in der vergangenen Woche Häuser brannten, sind wieder Bilder zu sehen, die einige - es waren Optimisten, aber wohl keine Realisten - längst überwunden glaubten. Verkohlte Ruinen, dazwischen gepanzerte Militärfahrzeuge, Soldaten mit Maschinengewehren und viele Angehörige der UN-Polizei in dem seit Sommer 1999 von den Vereinten Nationen verwalteten Protektorat. Die Straße weiter ostwärts nach Gjilan (serbisch Gnjilane) sei gesperrt, sagt ein UN-Polizist in Gracanica, ein schwedischer Posten wenige hundert Meter weiter versichert das Gegenteil, ein einheimischer Ordnungshüter will weder das eine noch das andere bestätigen, verlangt aber erst das Gepäck zu kontrollieren, bevor er den Weg freigibt.

          Verblaßte Dankbarkeit

          Die widersprüchlichen Auskünfte sind symptomatisch: Auch die "Internationalen", Militärs wie Zivilisten, hat angesichts des zunächst völlig unkontrollierten Gewaltausbruchs der vergangenen Woche Unsicherheit erfaßt. Noch immer liegt keine klare Übersicht über die Ereignisse vor, die Angaben der Kfor, der UN-Übergangsverwaltung Unmik und anderer offizieller Quellen widersprechen einander teilweise. In den chaotischen ersten beiden Tagen der Gewalt waren nicht wenige der offiziellen Mitteilungen schlicht unzutreffend.

          In Gracanica hatte der schwedische Soldat recht, denn der Weg nach Gjilan, dem städtischen Zentrum im Osten des Kosovos unweit der Grenze zu Südserbien, ist frei. "Thank you, America" steht in großen Buchstaben und mit der amerikanischen Flagge verziert auf einer Häuserwand am Ortseingang von Gjilan. Die Aufschrift ist verblaßt, die Dankbarkeit ebenfalls. Auch hier hat es Unruhen gegeben. Das regionale Verwaltungszentrum der Unmik ist verlassen, Plastikplanen spannen sich über die Rahmen der eingeworfenen Fenster, Kfor-Soldaten dominieren den Hauptplatz des Ortes. Unweit von Gjilan liegt das ausschließlich von Serben bewohnte Dorf Donja Budriga. Wie üblich gibt es weit und breit kein Hinweisschild, namenlos folgt Siedlung auf Siedlung.

          Mordbrennen im Kosovo

          In Donja Budriga - etwa 1.400 Einwohner, zwanzig Läden, eine Schule, ein Fußballplatz - hat kein Haus gebrannt. Trotzdem liegen Wut und Angst in der Luft. "Es gibt keine Serben mehr in Novo Brdo, in Kosovo Polje, in Obilic und in Prishtina - und da soll es übertrieben sein, von ethnischer Säuberung zu sprechen?" sagt Milorad Todorovic in bitterer Anspielung auf eine Äußerung des finnischen Unmik-Chefs Harri Holkeri, der in einem Interview Verharmlosendes oder jedenfalls Mißverständliches zur Bedeutung des Mordbrennens im Kosovo gesagt hatte.

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