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Kosovo : In der Wartelounge

Außenminister Joschka Fischer mit dem Präsident des Kosovo, Ibrahim Rugova Bild: picture-alliance/ dpa/dpaweb

Auf seiner Balkanreise hat Joschka Fischer nur mit seinem Flugzeug Schwierigkeiten. Sein politisches Vorhaben auf dem Balkan macht kleine Fortschritte. Die Lage in der Krisenregion ist „ruhig, aber brüchig“.

          3 Min.

          Vor vier Jahren war der deutsche Außenminister zum letzten Mal im Kosovo; dann reiste er mitunter in andere Staaten der Region, nach Kroatien oder Bosnien-Hercegovina, in denen die Integrationsangebote und Demokratisierungsbedingungen der Europäischen Union stärkere Bewegung in Gang gesetzt hatten.

          Johannes Leithäuser
          Politischer Korrespondent in Berlin.

          Jetzt wäre Fischer auf dem Weg ins Amselfeld beinahe zu spät gekommen. Der Tagesbesuch in Prishtina und Prizren, dem tags zuvor ein informelles Treffen mit allen Außenministern der westlichen Balkanländer vorausging, sollte als Geste der Anerkennung und Ermutigung für die politische Führung der Kosovo-Albaner und der serbischen Minderheit verstanden werden. Die neue Führung unter dem damaligen Ministerpräsidenten Haradinaj hatte nach dem Schock der Ausschreitungen gegen die Minderheit vor einem Jahr, nach den Regionalwahlen im Herbst und der Einsetzung des neuen UN-Repräsentanten Jessen-Petersen jetzt zunehmend die Entschlossenheit aufgebracht, mit der Verwirklichung der geforderten demokratischen Standards wenigstens zu beginnen.

          „Technischer Defekt“

          Doch Fischers Visite drohte am Mittwoch morgen unvermutet auf dem Flughafen von Tirana zu scheitern, von wo aus er nach dem Ende des Außenministertreffens, dessen Gastgeber der albanische Kollege Islami war, ins Kosovo aufbrechen wollte. Der Pilot der Luftwaffenmaschine vom Typ Challenger brach den Startvorgang auf dem Rollfeld unvermittelt ab und kehrte in die Parkposition zurück. Er gab einen „technischen Defekt“ bekannt, der am Boden kurz untersucht werden müsse, verließ die Maschine durch die Kabinentür, machte eine Runde ums Flugzeug, stieg wieder ein und schilderte dem Minister die Lage: Die Kontrollanzeige für die Schubumkehr am rechten Triebwerk leuchte unentwegt, auch am Boden, auch wenn der Schub definitiv ausgeschaltet sei; das daraus resultierende Sicherheitsrisiko verbiete den Abflug.

          Fischer verbrachte zweieinhalb Stunden Wartezeit auf dem „Mutter-Teresa-Flughafen“ Tiranas, sich der jüngsten Defekte und Pannen mit deutschem Regierungsfluggerät erinnernd, die in den letzten Monaten seine Arbeitsplanung störten oder seine Arbeitstage ungeplant verlängerten: Vor einem Jahr entstand eine Wartezeit in Dubrovnik wegen einer technischen Panne an einer Challenger-Maschine, vor zwei Monaten mußte Fischer auf dem Weg nach Thessaloniki kurz nach dem Start in Berlin-Tegel umkehren, nachdem sich in der Kabine unvermittelt Rauch ausbreitete - „Mayday-Mayday“-Rufe des Piloten waren aus dem Cockpit zu hören. Vor vier Wochen zersprang auf einem Flug nach Madrid über dem Genfer See plötzlich die äußere Scheibe des Cockpit-Fensters. Der Flug konnte damals fortgesetzt werden.

          Bewegung in der Statusfrage möglich

          Während des Vormittags in der Wartelounge auf dem „Mutter-Teresa-Flughafen“ begegnete Fischer einigen Ministerkollegen nochmals, mit denen er am Vortag in der Konsultationsrunde zur Zukunft der Region zusammengesessen hatte. Die kroatische Außenministerin zog mit ihrer Wagenkolonne an den wartenden deutschen Diplomaten vorbei aufs Rollfeld, stieg in ihr Flugzeug und hob ab. Die mazedonische Außenministerin spendete dem deutschen Kollegen einige nette tröstende Worte, bevor sie mit ihrer Delegation zum Rückflug nach Skopje startete. Die Repräsentanten der albanischen Regierung am Flughafen boten Fischer unterdessen Plätze in einem albanischen Linienflug nach Prishtina an. Nach drei Stunden des Wartens bestieg er statt dessen einen schweizerischen Armeehubschrauber, der aus Prizren geschickt worden war, und setzte sein verkürztes, umgestelltes Programm fort.

          Fischers Botschaft im Kosovo war die Ermutigung, die ihm zuvor in der Regionalrunde der Außenminister vermittelt worden war, verstärkt durch die Ergebnisse von telefonischen Unterredungen, die er mit dem russischen Außenminister Lawrow und der amerikanischen Außenministerin Rice jüngst geführt hatte: Es ergebe sich der Eindruck, daß in der Statusfrage Bewegung entstehen könne, daß nach den Patronatsmächten der Kosovo-Kontaktgruppe die Nachbarländer der Region, auch Serbien und Montenegro, den Beginn von Statusgesprächen nicht mehr rundheraus ablehnten. Der serbische Außenminister Drascovic hatte zwar gegenüber Fischer gegen einen „endgültigen Status“ für das Kosovo plädiert, zugleich aber einen „künftigen Status“ beschrieben, der bei ihm die Gestalt eines offenen Territoriumsannahm, das nicht länger unmittelbar zum Territorium von Serbien und Montenegro gehörte.

          „Ruhig, aber brüchig“

          Der Kommandeur des Bundeswehrkontingents in der internationalen Kfor-Schutztruppe, General Rossmanith, berichtete Zuversichtliches. In den nächsten Monaten werde eine verstärkte Rückkehr von serbischen Flüchtlingen erwartet; auch die Kosovo-Albaner hätten inzwischen begriffen, daß die Rückführung der Geflohenen und Vertriebenen, von denen einige erst vor einem Jahr nach den März-Unruhen ihre Heimatorte verließen, nicht als Privileg der Serben zu gelten habe, sondern als Vorteil für die albanische Mehrheitsbevölkerung gelten müsse. Die Lage in einem Satz? „Ruhig, aber brüchig“, lautete das Fazit des Bundeswehrkommandeurs.

          Der Minister konnte sich am Ende seiner Zweitagesvisite darin bestätigt sehen, daß sein erstes großes außenpolitisches Vorhaben - die Zerstörung eines aggressiven Nationalismus auf dem Balkan mit militärischen Mitteln und die anschließende Heranführung an ein integrierendes Europa - jedenfalls bislang nicht gescheitert ist, sondern sich sogar eher, wenn auch fragile, Fortschrittszeichen erkennen lassen. Fischer zeigte sich ostentativ engagiert in seinem Geschäft, weit weg von den Themen, die sich zu Hause gegenwärtig mit ihm verbinden. Als die mazedonische Außenministerin bei ihrem öffentlichen Auftritt neben Fischer bittend bemerkte, die strikten Visabeschränkungen für ihr Land seien ein Hindernis für seine Entwicklung, verzog er keine Miene.

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