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Kosovo erklärt sich unabhängig : „Den Willen des Volkes vollzogen“

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Dank an Amerika: Kosovarische Kinder im albanischen Teil Mitrovicias feiern die Unabhängigkeit des Kosovos Bild: AP

Europa hat an diesem Sonntag einen neuen Staat erhalten. Das Parlament in Prishtina hat die Unabhängigkeit des Kosovo ausgerufen. Unmittelbar danach verkündete der serbische Präsident Tadic: „Serbien wird dies niemals anerkennen.“ Der amerikanische Präsident Bush will eine Eskalation der Gewalt auf dem Balkan verhindern, die EU beschloss die bislang größte zivile Krisenmission.

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          Europa hat an diesem Sonntag einen neuen Staat erhalten. Das Parlament in dem bisher von einer Mission der Vereinten Nationen verwalteten UN-Protektorat Kosovo hat am Sonntag die staatliche Unabhängigkeit des Gebietes proklamiert. „Von heute an ist das Kosovo stolz, unabhängig und frei. Das Kosovo wird nie wieder von Belgrad beherrscht. Es wird ein demokratischer und multiethnischer Staat sein“, sagte Ministerpräsident Hashim Thaci in der übertragenen Sondersitzung des kosovarischen Parlaments.

          Per Akklamation stimmten die Abgeordneten in Prishtina der Unabhängigkeitserklärung zu. Darin verpflichtet sich der neue Staat dem „Frieden“ und der „Stabilität“. Thaci hatte zuvor angekündigt, es werde der „Wille der Bürger des Kosovos“ vollzogen.

          Unmittelbar nach der Proklamation des Parlaments erklärte der serbische Präsident Boris Tadic: „Serbien wird niemals die Unabhängigkeit des Kosovo anerkennen.“ Die Kosovaren wollen nach Informationen aus Prishtina nach der Unabhängigkeitserklärung nicht nur die EU-Mission einladen, sondern zugleich auch die von Moskau im UN-Sicherheitsrat abgelehnten Empfehlung des früheren UN-Sonderbeauftragten Martti Ahtisaari umsetzen. Er hatte eine Unabhängigkeit unter „internationaler Aufsicht“ vorgeschlagen.

          „Morgen wird ein Tag der Ruhe, des Verständnisses und des staatlichen Einsatzes für die Umsetzung des Willens der Bürger des Kosovo sein”

          Bischof: „Kosovo wird immer ein Teil Serbiens bleiben“

          Die Provinz stand seit dem Kosovo-Krieg vor neun Jahren unter der Verwaltung der Vereinten Nationen. Belgrad hat eine Loslösung des Kosovos bis zuletzt bekämpft und wurde darin von Russland unterstützt. Belgrad konnte sich aber nicht gegen die Vereinigten Staaten und führende europäische Regierungen, darunter Deutschland, durchsetzen, die bereit waren, den Kosovaren eine „überwachte Unabhängigkeit“ zu gewähren. Die serbische Regierung hat mit Gegenmaßnahmen gedroht, es werden aber keine Gewalttaten erwartet. Die Sicherheit des Kosovos wird von einer 15.000 Mann starken Schutztruppe der Nato garantiert.

          Der für das Kosovo zuständige serbisch-orthodoxe Bischof Artemije verurteilte die geplante Unabhängigkeit der Provinz. „Kosovo wird immer ein Teil Serbiens bleiben“, sagte der Bischof am Sonntag an seinem Amtssitz in Gracanica vor den Toren der Hauptstadt Pristina. Er betonte aber: „Wir rufen nicht zum Krieg auf und fordern die Serben auf, im Kosovo zu bleiben.“

          Bush: Werden uns um Gewaltfreiheit im Kosovo bemühen

          Auch Serbiens Verbündeter Russland lehnt eine Unabhängigkeit der Provinz strikt ab. Deutschland und viele weitere EU-Staaten sowie die Vereinigten Staaten signalisierten dagegen im Vorfeld eine baldige Anerkennung des neuen Zwergstaates auf dem Balkan. Washington werde nach den Worten von Präsident George W. Bush gemeinsam mit ihren Verbündeten alles dafür tun, dass es im Kosovo nach der Unabhängigkeitserklärung nicht zu Gewalt kommt. Die Frage des Status des Kosovo habe gelöst werden müssen, um die Stabilität auf dem Balkan zu gewährleisten, sagte Bush am Sonntag während seiner Afrikareise in Tansania. Es sei ermutigend, dass sich die Regierung des Kosovo bereiterklärt habe, die Rechte der Serben zu respektieren.

          Der Frage, ob seine Regierung die Unabhängigkeit des Kosovo anerkennen werde, wich Bush aus. Es wurde jedoch erwartet, dass neben den meisten EU-Staaten auch die Amerika das unabhängige Kosovo anerkennt. Bush appellierte zugleich an Serbien, die Beziehungen zu Europa aufrecht zu erhalten. Dies liege im Interesse des Landes. Amerika sei ein Freund des serbischen Volkes.

          „Den Willen des albanischen Volkes erfüllen“

          Der Präsident der Provinz, Fatmir Sejdiu, hatte am frühen Sonntag die Unabhängigkeitserklärung erstmals offiziell angekündigt. „Wir werden heute den Willen des albanischen Volkes erfüllen und die Unabhängigkeit ausrufen“, sagte Sejdiu beim Besuch des Grabes von Ibrahim Rugova in Pristhina. Rugova, der bis vor zwei Jahren Sejdius Vorgänger und wichtigster albanischer Politiker war, gilt als entscheidender Wegbereiter der Unabhängigkeit.

          Er rief die Bevölkerung dazu auf, den Tag in Würde zu begehen. Örtliche Zeitungen berichteten, zur Proklamation der Unabhängigkeit werde die Europahymne gespielt, Ludwig van Beethovens „Ode an die Freude“.

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