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Kosovo : Die UCK und der Organhandel

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In der Regel seien die Opfer durch Kopfschuss getötet worden, bevor man ihnen eine Niere oder beide Nieren entfernte. Fachleute, merkte Marty an, hätten ihm bestätigt, dass diese "Leichen-Nieren"-Methode auch anderswo in ähnlichen illegalen Zusammenhängen angewendet worden sei. Über den nahen Flughafen von Tirana seien die Organe verschickt worden. Den mutmaßlichen Organschmuggel der Jahre 1999 und 2000 verbindet Marty mit dem Fall illegaler Organentnahme in der Medicus-Klinik der kosovarischen Hauptstadt Prishtina, der 2008 aufflog. In diesem Fall erstellte Eulex im Oktober eine Anklage gegen fünf mutmaßliche Täter. Marty vermutet, dass es sich bei den Organentnahmen in Albanien wie im Kosovo um denselben Täterkreis gehandelt habe.

„Alte Küche ultranationalistischer Kreise“

In Tirana wurde der Bericht mit aller Schärfe zurückgewiesen. Ministerpräsident Sali Berisha nannte Marty einen anti-albanischen "Rassisten", der seinerzeit schon gegen die Nato-Intervention und später gegen die staatliche Unabhängigkeit des Kosovos aufgetreten sei. Albanien sei aber bereit, eine Untersuchung durch Eulex zuzulassen, obwohl sich das Eulex-Mandat auf das Kosovo beschränke. Auch die Ermittler des Haager Kriegsverbrechertribunals wären willkommen, obwohl Albanien jenseits ihres Kompetenzbereiches liege.

Der albanische Präsident Bamir Topi warf Marty vor, auf Hörensagen und ohne irgendwelche Beweise Beschuldigungen erhoben zu haben, die aus der "alten Küche ultranationalistischer Kreise" stammten. Einziger Zweck des Berichtes sei es, "Albanien, die albanische Nation und ihre Identität" zu verleumden. Die Verleumdungen, die schon mehrmals untersucht worden seien und sich immer wieder als haltlos herausgestellt hätten, gefährdeten den Frieden und die Stabilität der ganzen Region. Die albanische Oberstaatsanwältin Ina Rama gab an, es gebe keine Hinweise, die auf die Existenz eines Transplantationszentrums in Fushe-Kruja oder irgendwo sonst in Albanien hindeuteten. Frau Rama, die sich in anderen Fällen nicht selten gegen die Regierung wandte, beklagte, dass grundlos der Vorwurf erhoben werde, Albanien blockiere Ermittlungen.

„Diplomatisches Ping-Pong-Spiel“

Tatsächlich ist es nicht zum ersten Mal, dass Albanien dies zu hören bekommt. Im Februar hatte Philip Alston, der Sonderberichterstatter der Vereinten Nationen für außergerichtliche, willkürliche und Massenhinrichtungen, Albanien vorgehalten, in dieser Angelegenheit ein "bürokratisches und diplomatisches Ping-Pong Spiel" zu betreiben. Zwar erkläre es sich bereit, Ermittlungen zuzulassen, blockiere sie aber in der Praxis. Wenn die Anschuldigungen tatsächlich so "lächerlich" seien, wie in Tirana behauptet werde, könnten sie durch eine unabhängige Untersuchung leicht aus dem Weg geräumt werden. Für Eulex zählt der Fall nicht zu den Prioritäten, man ist dort der Ansicht, dass die bisherigen Ermittlungen der Behörde im "gelben Haus" für die Aufnahme eines Verfahrens nicht ausreichten. Wer immer Beweise habe, möge sie vorlegen, sagte die Eulex-Sprecherin Karin Limdal. Hinweise auf einen Zusammenhang zwischen den von Marty behaupteten Verbrechen und dem Medicus-Fall habe die Behörde nicht. In Fushe-Kruja habe Eulex bisher allerdings nicht ermittelt.

Die EU nehme Martys Anschuldigungen sehr ernst, sagte Vincent Degert, der seit Oktober die EU-Delegation in Belgrad leitet. Es sei nun an Eulex, ihre Stichhaltigkeit zu überprüfen. Serbien plant eine diplomatische Offensive, um eine internationale Untersuchung in Albanien zu erreichen. Angeblich verfügt die serbische Staatsanwaltschaft über 130 Zeugenaussagen von Serben, die die UCK-Lager überlebt hätten. Begleitet wird diese diplomatische Offensive von einer Medienkampagne. Die in Belgrad erscheinende Zeitung "Politika" beschuldigte Berisha zuletzt sogar, in illegalen Waffenhandel verstrickt zu sein.

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