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Kosovo : Der „Ghandi von Pristina“ ist tot

  • Aktualisiert am

Litt an Krebs: Ibrahim Rugova Bild: AP

Der Präsident des Kosovos, Ibrahim Rugova, ist am Samstag im Alter von 61 Jahren einem Krebsleiden erlegen. Er starb am Mittag im Kreis seiner Familie, teilte sein Sprecher mit. Rugova war starker Raucher und litt an Lungenkrebs.

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          Seinen großen politischen Lebenstraum konnte er nicht mehr verwirklicht sehen: Kurz vor Beginn der heißen Phase in den Verhandlungen über die staatliche Zukunft der südserbischen Unruheprovinz Kosovo, die der albanischen Mehrheit die Unabhängigkeit bringen soll, ist der Provinz-Präsident Ibrahim Rugova am Samstag gestorben. Der starke Raucher starb an Lungenkrebs. Seit der 61jährige 1988 als Vorsitzender des Kosovo-Schriftstellerverbandes in die Politik gekommen war, hatte er sich diesem großen Ziel verschrieben. In den letzten 17 Jahren hatten er und die von ihm gegründete Partei LDK das politische Leben Kosovos bestimmt.

          Sie nannten den eingeschworenen Pazifisten „sanftmütiger Zauderer“ und „Gandhi von Pristina“: Den Mann mit dem locker um den Hals geschwungenen Seidenschal als Markenzeichen hatte die zunehmende Unterdrückung des Kosovos durch die Serben in die Politik getrieben.

          Widerstand gegen Milosevic

          Der Literaturwissenschaftler und Dichter wurde nach längeren Aufenthalten in Paris seit Ende der achtziger Jahre zur Speerspitze des Widerstandes gegen die brutale und gewaltsame Zentralisierung durch den damaligen jugoslawischen Präsidenten Slobodan Milosevic, der heute wegen Kriegsverbrechen in Den Haag vor Gericht steht.

          Da alle wichtigen staatlichen Positionen den Serben vorbehalten waren, bauten die Albaner unter Rugovas Führung ein Parallelsystem in Verwaltung, Gesundheit und Bildung auf. Die Maxime des passiven Widerstandes und der absoluten Gewaltfreiheit ließen Rugova vorübergehend Einfluß an die bewaffnete Rebellenarmee UCK verlieren. Dennoch hatte er die erste Wahl unter Aufsicht der UN 2001 gewonnen und war Provinzpräsident geworden. 2004 wurde seine Partei bei den ersten von den Kosovo-Behörden organisierten Wahlen wieder stärkste Kraft im Parlament.

          Träger des Sacharow-Preises

          Seit Jahren teilen sich Rugova und seine Partei die Regierungsmacht mit Vertretern der früheren albanischen Rebellen. Denn wenn diese ihm auch als politische Gegner gelten, so streben alle doch gemeinsam die staatliche Selbstständigkeit an. Vor allem wegen seines großen Ansehens im Ausland konnte der Vater dreier Kinder in der Innenpolitik nicht von den aufstrebenden jungen und radikalen Politikern aus den Reihen der früheren Rebellen verdrängt
          werden.

          Für seine Gewaltfreiheit, die hartnäckige Verfolgung seines politischen Traumes und als Anerkennung, die Kosovo-Frage international bekannt gemacht zu haben, wurde Rugova 1998 mit dem Toleranzpreis der Stadt Münster und dem Sacharow-Preis des Europaparlaments ausgezeichnet.

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