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Kosovo : Aus eins mach keins

Für den Anschluss: Serben im Nordkosovo demonstrieren am Mittwoch. Bild: REUTERS

Der Konflikt zwischen Belgrad und Prishtina eskaliert. Serbien will eine Teilung des Kosovos - und sähe es gerne, wenn sich dann der Rest Albanien anschlösse.

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          Es ist noch einmal glimpflich ausgegangen. Bei den Angriffen von Serben auf Soldaten der internationalen Kosovo-Schutztruppe Kfor am Dienstag gab es zwar Verletzte auf beiden Seiten, doch anders als bei den gewaltsamen Grenzzwischenfällen im Juli kam niemand ums Leben. Wird der Konflikt an der serbisch-kosovarischen Grenze nicht bald entschärft, ist es allerdings nur eine Frage der Zeit, bis dort wieder Blut fließt.

          Michael Martens
          Korrespondent für südosteuropäische Länder mit Sitz in Wien.

          Am Mittwoch hatte die Auseinandersetzung vom Dienstag zunächst die Folge, dass nicht mehr geredet wurde: Serbien sagte nach Angaben des EU-Vermittlers Robert Cooper die Gespräche mit dem Kosovo über Energie- und Telekommunikationsfragen ab.

          In einer vor kurzem erschienenen Studie der „International Crisis Group“ wird davor gewarnt, dass der Streit zwischen Belgrad und Prishtina „in eine gefährliche Phase“ eingetreten sei. Im serbisch dominierten Hinterland der ethnisch geteilten kosovarischen Stadt Mitrovica gebe es „mehrere hundert schwer bewaffnete Serben, von denen viele mit kriminellen Banden verbunden sind und durchaus das Feuer auf kosovarische Beamte, die EU-Rechtsstaatsmission Eulex und Kfor eröffnen könnten“.

          Schlimmstenfalls könne ein Kreislauf von Vergeltungsschlägen in Angriffe auf Zivilisten im ganzen Kosovo münden. Davon wäre auch Deutschland, der größte Truppensteller der Kfor, betroffen. Nach dem Einsatz in Afghanistan ist der im Kosovo nämlich immer noch das mit Abstand größte Auslandsengagement der Bundeswehr. Bisher war es für die knapp 1400 Soldaten auf dem Amselfeld meist ruhig. Das könnte sich ändern.

          Vor allem an der Verteidigung ihrer Geschäfte interessiert

          Zuletzt kam es im März 2004 zu großen Unruhen, die sich von Mitrovica aus binnen Stunden über das gesamte Kosovo ausbreiteten. Dabei wurden 21 Menschen getötet, Tausende vertrieben. Damals waren vor allem Serben und Roma in den Enklaven im Süden des Kosovos die Opfer. Inzwischen hat sich der Kosovo-Konflikt an einen bestimmten Abschnitt des serbisch-kosovarischen Grenzgebiets im Norden verlagert. Die Grenze zwischen beiden Staaten ist etwa 350 Kilometer lang, aber unruhig ist es nur an einem etwa 80 Kilometer langen Abschnitt, der auf beiden Seiten von Serben bewohnt ist.

          Hier übten serbisch-albanische Banden die Kontrolle aus, bis im Sommer Kfor die Kontrolle über die Grenzposten übernahm. Diese Banden sind weder an Recht und Ordnung noch an der auf serbischer Seite gern beschworenen „Rettung des Serbentums im Kosovo“ interessiert, sondern an der Verteidigung ihrer Geschäfte. Es geht in diesem Konflikt nicht zuletzt um die Herrschaft krimineller Banden, unter denen auch rechtschaffene Serben im Norden des Kosovos leiden.

          Politisch geht es zudem um die Frage, wer den Norden des Kosovos kontrolliert - Serbien oder das Kosovo? De facto hat Serbien im Norden die Macht. Der serbische Präsident Tadic hat auch einen klaren Plan für das Kosovo. Es mag ein unrealistischer Plan sein, doch er bestimmt seit dem Machtverlust des nationalistischen früheren Regierungschefs Vojislav Koštunica immer deutlicher das Handeln Belgrads.

          Koštunica hält bis heute an der Ansicht fest, dass Serbien keinesfalls seinen Anspruch auf das Kosovo aufgeben dürfe und im Zweifelsfall lieber auf die EU-Mitgliedschaft verzichten müsse. Für Tadic ist ein EU-Beitritt hingegen ein strategisches Ziel. Außerdem hat er anerkannt, dass das Kosovo im Ganzen für Serbien verloren ist, abgesehen vom serbisch dominierten Norden. Deshalb strebt Belgrad die Teilung des Kosovos an - und sähe es gern, wenn sich der Rest des Kosovos danach Albanien anschlösse.

          Damit wäre nämlich aus Belgrader Sicht zugleich eine Hürde für Serbiens EU-Beitritt gefallen: „Ein Kosovo, das es nicht mehr gibt, muss Serbien auch nicht anerkennen“, sagt eine wichtige Person aus dem Umkreis des serbischen Präsidenten. Wer diese Aussage hört, wundert sich auch nicht mehr darüber wundern, dass Tadi vor einigen Monaten im Gespräch mit dieser Zeitung geradezu verständnisvoll von dem angeblichen Wunsch Tiranas sprach, Großalbanien zu schaffen. „Wir können damit leben, wenn wir vereinbarte Lösungen haben“ hatte Tadic gesagt und hinzugefügt, was er darunter verstehe: „Eine Vereinbarung, bei der alle Seiten etwas bekommen“.

          Ohne Lösung im Norden kein EU-Beitritt Serbiens

          Allerdings wollen derzeit weder Washington noch die EU eine Teilung des Kosovos zulassen. Noch immer steht die serbische Elite unter dem Schock des Belgradbesuchs von Bundeskanzlerin Merkel. Sie hatte sich gegenüber Tadic in einer Deutlichkeit, auf die er offenbar nicht vorbereitet war, gegen die Teilung ausgesprochen. Ohne Lösung im Norden könne Serbien einen EU-Beitritt vergessen, ließ die Kanzlerin den serbischen Präsidenten wissen.

          Um das böse Wort von der Teilung zu vermeiden, sprechen Belgrader Regierungspolitiker wie Außenminister Vuk Jeremic daher seit kurzem lieber von einer „Grenzdemarkation“, was letztlich aber nur ein anderes Wort für dieselbe Absicht ist. Eine solche „Demarkation“ soll nach Belgrader Vorstellung nämlich zwei Dellen aufweisen: Bei Mitrovica müsse sie vom bisherigen Grenzverlauf nach Westen abweichen, damit das kompakte serbische Siedlungsgebiet im Norden des Kosovos Serbien angeschlossen werden könne.

          Südlich davon, in der Höhe des derzeit Serbien zugehörigen Preševo-Tals soll die „Demarkation“ hingegen eine Ausbuchtung nach Osten aufweisen, womit Teile dieses albanisch besiedelten Gebietes an das Kosovo fielen. Letztlich wäre diese „Demarkation“ also nur ein Euphemismus für einen Gebietstausch.

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