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Korea-Konflikt : Artillerie-Angriff auf südkoreanische Insel

  • Aktualisiert am

Bild: reuters

Nordkoreanisches Militär hat die südkoreanische Insel Yongpyong mit Dutzenden Artilleriegranaten beschossen. Dabei wurde nach Angaben des Verteidigungsministeriums in Seoul zwei Soldaten getötet, mehrere wurden verletzt. Auf beiden Seiten wird mit weiteren Militärschlägen gedroht.

          Nordkoreanisches Militär hat am Dienstag die südkoreanische Insel Yeonpyeong beschossen. Bei dem Angriff wurden nach Angaben der südkoreanischen Nachrichtenagentur Yonhap zwei südkoreanische Soldaten getötet und fünfzehn verletzt. Dutzende Gebäude seien beschädigt worden, mindestens zehn in Brand geraten, sagte ein Sprecher des südkoreanischen Militärs.

          Die südkoreanischen Soldaten hätten das Feuer erwidert. Die Streitkräfte des Landes sind in höchste Alarmbereitschaft versetzt. Gespräche über humanitäre Fragen, die noch in dieser Woche stattfinden sollten, wurden für unbestimmte Zeit verschoben.

          Die Regierung in Seoul bezeichnete den Angriff als militärische Provokation und eine Verletzung des Waffenstillstandsabkommens, mit dem der Koreakrieg beendet worden war. Sie erwägt, den Fall vor die Vereinten Nationen zu bringen. Der südkoreanische Präsident Lee Myung-bak forderte nach einer Krisensitzung mit seinen Sicherheitsberatern eine entschlossene Reaktion, warnte aber davor die Lage eskalieren zu lassen.

          China hat sich besorgt über die Berichte vom Beschuss der nordkoreanischen Artillerie auf Südkorea gezeigt. Doch müsse die tatsächliche Lage noch geprüft werden, sagte der Sprecher des Außenministeriums. „Wir hoffen, dass die beteiligten Parteien tun können, was dem Frieden und der Stabilität auf der Halbinsel dienlich ist“, sagte der Sprecher Hong Lei am Dienstag in Peking.

          Weißes Haus verurteilt „aggressive Aktion“

          Die amerikanische Regierung verurteilte die nordkoreanische Aktion „auf das Schärfste“ verurteilt und zu einem Stopp der „aggressiven Aktion“ aufgerufen. In einer Erklärung des Weißen Hauses heißt es, die Vereinigten Staaten seien der Verteidigung Südkoreas und der Aufrechterhaltung von Frieden und Stabilität in der Region „tief verpflichtet“.

          Der amerikanische Sonderbotschafter Bosworth wollte sich in Peking nicht zu dem Vorfall äußern. Er verwies auf die Stellungnahme des Weißen Hauses. Das Thema sei bei dem Treffen mit den chinesischen Gesprächpartnern vom Außenministerium aber natürlich aufgekommen. Man sei sich einig, dass auf allen Seiten Zurückhaltung geübt werden sollte.

          Moskau ruft zur Mäßigung auf

          Russland bezeichnete die Gewaltanwendung zwischen beiden koreanischen Staaten als absolut inakzeptabel und rief zur Mäßigung auf. Es bestehe die immense Gefahr einer Ausweitung der Gefechte, die vermieden werden müsse, sagte Außenminister Lawrow. Besorgt äußerten sich die Europäische Union sowie Bundesaußenminister Westerwelle.

          Nach Darstellung Südkoreas eröffnete Nordkorea das Feuer, als nahe der Insel ein Seemanöver der südkoreanische Marine stattfand. Nordkoreas Militär behauptet, die Südkoreaner hätten zuerst geschossen. Südkorea bestätigte die Manöver. In einer Stellungnahme legte das Militär aber großen Wert auf die Feststellung, dass die Schießübungen Richtung Westen, also weg von nordkoreanischem Territorium stattgefunden hätten. Auf der Insel Yeonpyeong sind mehrere Schiffe der Marine und mehrere hundert südkoreanische Soldaten stationiert. Alle 1600 Bewohner der Insel wurden in Sicherheit gebracht.

          Innenpolitisch hat der südkoreanische Präsident große Unterstützung für seine Haltung erfahren. Der staatliche Fernsehsender KBS meldete, sowohl Vertreter der Regierungspartei GNP als auch Politiker der Opposition hätten die nordkoreanische Militäraktion scharf verurteilt. Während ein GNP-Sprecher an die Regierung appellierte, alle Kräfte aufzubieten, um aktiv auf die nordkoreanische Aktion zu antworten, forderte die Opposition Anstrengungen zur Sicherung des Friedens auf der koreanischen Halbinsel.

          Das Vereinigungsministerium in Seoul ordnete verschärfte Sicherheitsmaßnahmen für Südkoreaner an, die in dem Industriekomplex Kaesong arbeiten. Dort produzieren südkoreanische Unternehmen auf dem Territorium des Nordens.

          Die Beschießung der kleinen Insel ist die neueste Provokation Nordkoreas an der innerkoreanischen Grenze. Vor einem Monat hatte Nordkorea an der Landgrenze das Feuer auf südkoreanische Soldaten eröffnet, dabei war niemand verletzt worden.

          Die Insel Yeonpyeong liegt südlich der umstrittenen Seegrenze, der „Nördlichen Grenzlinie“ zwischen Nord- und Südkorea. Die am nächsten gelegene nordkoreanische Insel ist nur acht Kilometer von Yeonpyeong entfernt. Nordkorea hat die „Nördliche Grenzlinie“, die von den Vereinten Nationen nach dem Koreakrieg 1953 festgelegt wurde, nie offiziell anerkannt, sie aber über Jahre de facto respektiert. In der Nähe der Insel Yeonpyeong haben sich schon öfter Scharmützel zwischen Nord- und Südkorea ereignet. Im Jahr 2003 war zum Beispiel ein nordkoreanisches Kampfflugzeug über der Insel in südkoreanischen Luftraum eingedrungen.

          Der Beschuss durch Nordkorea folgt einer Erklärung des nordkoreanischen Regimes von vor einigen Tagen, nach der es mit der Anreicherung von Uran begonnen habe. Amerikanische Sicherheitsexperten wiesen darauf hin, dass die Uran-Anreicherungsanlage Nordkorea in die Lage versetzt werde, weitere Atomwaffen herzustellen.

          In Peking sagte der Sprecher des Außenministeriums auf eine Frage nach der nordkoreanischen Uran-Anreichung, es sei zwingend erforderlich, die Sechsergespräche über das nordkoreanische Atomprogramm so zügig wie möglich wieder aufzunehmen. China halte an seiner Position fest, dass die Denuklearisierung der koreanischen Halbinsel durch Dialog und Konsultationen erreicht werden sollte. Die beteiligten Parteien sollten gemeinsam Anstrengungen unternehmen, um die Voraussetzungen für die Fortsetzung der Gespräche zu schaffen. Die Sechsergespräche, an denen neben China und den koreanischen Staaten auch Russland, Japan und Amerika teilnehmen, sind seit zwei Jahren ausgesetzt.

          Militärische Zwischenfälle zwischen Nord- und Südkorea

          15. Juni 1999: Nordkoreanische Kriegsschiffe verletzen die Grenzlinie im Gelben Meer. Bei dem Versuch, die Weiterfahrt der nordkoreanischen Schiffe zu blockieren, kommt es zu einem zehnminütigen Feuergefecht, in dessen Verlauf südkoreanische Kriegsschiffe ein Schiff des Nordens versenken und fünf weitere schwer beschädigen.

          29. Juni 2002: Bei einer Konfrontation zwischen nord- und südkoreanischen Kriegsschiffen an der Seegrenze im Gelben Meer eröffnet ein nordkoreanisches Schiff das Feuer. Ein südkoreanisches Schiff wird schwer getroffen und sinkt später. Fünf südkoreanische Soldaten werden getötet, 19 verletzt.

          10. November 2009: Nord- und südkoreanische Patrouillenboote liefern sich an der westlichen Seegrenze ein kurzes Feuergefecht, bei dem ein nordkoreanisches Boot schwer beschädigt wird. Pjöngjang und Seoul beschuldigen die jeweils andere Seite, den Zwischenfall provoziert zu haben.

          27. Januar 2010: Nordkorea eröffnet im Zuge eines Seemanövers mit Artillerie das Feuer in Richtung auf die Seegrenze zu Südkorea. Die südkoreanische Marine erwidert mit 100 Kanonenschüssen in die Luft. Am Vortag hatte Nordkorea für ein Gebiet an der Seegrenze eine „Fahrverbotszone“ für die Zeit vom 25. Januar bis zum 29. März ausgesprochen.

          26. März 2010: Die südkoreanische Korvette „Cheonan“ sinkt nach einer Explosion nahe der innerkoreanischen Seegrenze. 46 Besatzungsmitglieder kommen ums Leben. Seoul beschuldigt Nordkorea, das Schiff mit einem Torpedo versenkt zu haben.

          27. Mai 2010: Der nordkoreanische Generalstab lässt verlautbaren, Nordkorea ziehe sich von allen mit Südkorea getroffenen militärischen Vereinbarungen zurück. Dazu gehört auch eine Abmachung, die unbeabsichtigte Zusammenstöße vor der Westküste verhindern soll.

          9. August 2010: Kurz nach der Beendigung eines Seemanövers der südkoreanischen Streitkräfte im Gelben Meer feuert Nordkorea in der Nähe der von ihm nicht anerkannten Seegrenze mehr als 100 Artilleriegeschosse ab. Einige Geschosse gehen in der Nähe einer südkoreanischen Insel nieder.

          29. Oktober 2010: An der schwer bewachten und befestigten Landgrenze zwischen Nord- und Südkorea kommt es zu einem Schusswechsel zwischen Grenzposten.

          3. November 2010: Die südkoreanische Marine gibt Warnschüsse ab, als ein nordkoreanisches Fischerboot die innerkoreanische Seegrenze im Gelben Meer verletzt. (F.A.Z.)

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