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Koranverbrennung : Karzais Spiel mit dem Feuer

Wütende Demonstranten verbrennen eine Puppe des Prediger Jones Bild: dapd

Die tödlichen Angriffe auf die UN in Afghanistan sollen von arabischen und tschetschenischen Rebellen ausgeübt worden sein, behauptet Präsident Karzai. Die Folgen der Koranverbrennung in Amerika passen ihm ins Kalkül.

          „Steht auf gegen die Feinde des Koran!“, donnerte es am Freitag vom Podium der Blauen Moschee in Mazar-i-Sharif. „Steht auf gegen sie mit Eurem Stift, mit euren Stimmen, mit Euren Waffen!“ Kurz danach setzten sich die Gläubigen in Bewegung, formten sich zum Mob und fanden - nachdem das amerikanische Generalkonsulat als zu gut beschützt empfunden wurde - die Vertretung der Vereinten Nationen als Angriffsziel. Am Ende der Raserei blieben mindestens elf Tote zurück, darunter vier nepalische UN-Wachleute, ein norwegischer Militärattaché, ein junger Schwede, der für Menschenrechte zuständig war und die aus Rumänien stammende Leiterin der politischen Abteilung.

          Jochen Buchsteiner

          Politischer Korrespondent in London.

          Was in den Stunden der Gewalt geschah, rekonstruierte das „Wall Street Journal“, das am Wochenende in den Besitz von Videomaterial gelangt war und Beteiligte in der Stadt interviewt hatte. Danach wurde die Demonstration vor den Zäunen der UN-Vertretung längere Zeit nicht ernst genommen. Erst als amerikanische Fahnen brannten und erste Steine flogen, wurde dem Personal die Lage bewusst. Die Diplomaten versteckten sich in vermeintlich sicheren Räumen und verständigten die Isaf, deren Soldaten aber erst eintrafen, als sich der Mob schon wieder verzogen hatte. Mazar ist der Hauptstützpunkt der Bundeswehr; für die Sicherheit sorgen überwiegend schwedische Soldaten.

          Die afghanische Polizei hatte nur sechzig Beamte abgestellt, um die angemeldete, schließlich an die 3000 Menschen zählende Demonstration zu beaufsichtigen. Als der Mob mit Macht auf das UN-Gelände drängte, nahm das afghanische Wachpersonal offenbar die Beine in die Hand. Auch der „Zweite Verteidigungsring“, der aus nepalischen UN-Sicherheitskräften bestand, war rasch überlaufen; vier von ihnen wurden dabei getötet. Unter Diplomaten wird es als „Fehler“ bezeichnet, dass sich die UN-Vertretung nicht von amerikanischen Soldaten hatte schützen lassen wollen.

          Korankenntnisse retteten Leben

          Die Eindringlinge brachen einen der Schutzräume auf und fanden dort vier westliche UN-Bedienstete. Einer von ihnen, ein russischer Diplomat, überlebte nur dank seiner Sprach- und Korankenntnisse. Nach Aussagen der UN wurde er gefragt: „Sind Sie Muslim?“, was der mit einer Lüge bejahte. Daraufhin wurde er aufgefordert, das islamische Glaubensbekenntnis zu beten, was ihm gelang. Er kam mit Schlägen davon. Die anderen drei mussten sterben. Nicht entdeckt wurden die UN-Mitarbeiter, die sich in einem anderen Raum versteckt gehalten hatten. Dazu zählte auch eine Deutsche, wie diplomatische Kreise dieser Zeitung bestätigten.

          Der Chef der UN-Mission, Staffan de Mistura, sagte nach dem Sturm auf das Gelände, eine Gruppe von sieben bis 15 Aufständischen habe die Menschenmenge infiltriert. Auch von afghanischer Seite wurde betont, dass - vermutlich arabische oder tschetschenische - Scharfmacher die Menschen aufgeputscht hätten. Manche fragen sich gleichwohl, ob diese Sichtweise korrekt ist und die Verantwortung für die maßlose Reaktion auf die Koranverbrennung eines Pfarrers aus Florida allein bei einigen radikalen Mullahs und Rädelsführern zu suchen ist.

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