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Britische Lockdown-Gegner : Mit Farage und Selbstmord-Theorien

Schon vor dem möglichen Lockdown geschlossen: ein Pub in London Bild: EPA

Am Mittwoch billigt das britische Abgeordnetenhaus wohl einen neuen Lockdown. Widerstand gegen Premierminister Boris Johnson kommt aus der eigenen Partei – und von einem alten Bekannten.

          3 Min.

          Noch am Freitagmorgen soll Boris Johnson entschlossen gewesen sein, einen zweiten Lockdown im Vereinigten Königreich zu verhindern. Doch ein Treffen mit den wissenschaftlichen Beratern, an dem auch einige Minister teilgenommen haben, ließ ihn umdenken. Am Samstagabend erklärte der Premierminister im Fernsehen, dass sich die aktuelle Situation noch düsterer als in den „Worst-Case-Szenarien“ darstelle. Es gebe „keine Alternative“ zu einem weiteren Lockdown. Der soll am Donnerstag beginnen und am 2. Dezember enden. In einer Blitzumfrage unterstützten 72 Prozent der Briten die Maßnahme, aber die Unruhe derer, die dagegen sind, wird lauter.

          Jochen Buchsteiner

          Politischer Korrespondent in London.

          Am Montag zeichnete sich ab, dass mindestens 40 konservative Abgeordnete gegen den Lockdown stimmen könnten, wenn er am Mittwoch im Unterhaus behandelt wird. Wenn er Zustimmung findet, dürfen die Briten ihre Wohnungen nur noch verlassen, um zum Arzt zu gehen, Lebensmittel einzukaufen und sich körperlich zu betätigen. Der Einzelhandel muss schließen, Restaurants dürfen nur noch außer Haus liefern. Dass die Regierung überstimmt werden könnte, ist unwahrscheinlich. Die oppositionelle Labour Party hat ihre Unterstützung angekündigt. Labour-Chef Keir Starmer bemängelt nur, Johnson habe „zu spät“ reagiert. Entspannt kann der Premierminister aber nicht in die kommenden Wochen blicken. Zu den innerparteilichen Gegnern des Lockdowns gehören respektierte Parteifreunde – und dann ist da noch ein alter Bekannter, der den Konservativen das Leben schon oft schwergemacht hat: Nigel Farage.

          Die neue Agenda des Nigel Farage

          Farage, der mit einem feinen Gespür für Stimmungen ausgestattet ist, kündigte am Montag an, seine Brexit Party in „Reform UK“ umzubenennen und sich auf den Protest gegen die Corona-Politik der Regierung zu konzentrieren. Der neue Parteiname signalisiert eine breitere Aufstellung. Farage lieferte gleich die Stichworte: Reform der BBC, die in den Augen Farages zu städtisch und zu links ausgerichtet ist, die Änderung des Wahlrechts zugunsten kleinerer Parteien und die Abschaffung des Oberhauses, dessen Besetzung er für „korrupt“ hält. Als neuen Höhepunkt der „Vetternwirtschaft“ erwähnte er die Ernennung des früheren Staatssekretärs Jo Johnson zum „Lord“ durch dessen Bruder, den Premierminister.

          Unmittelbaren Erfolg verspricht sich Farage von der Lockdown-Kritik. In einem Brief an die Unterstützer seiner bisherigen Partei warb er für einen alternativen Ansatz. Nur Ältere und sonstige Risikogruppen sollten vom Staat geschützt werden, der Rest der Bevölkerung „mit einfachen Hygieneregeln und einer Portion gesundem Menschenverstand“ sein Leben fortsetzen und Herdenimmunität entwickeln. Farage beruft sich auf die „Great Barrington Declaration“, das ist eine Erklärung, die von Fachleuten, darunter Professoren der Universitäten Harvard und Oxford, unterzeichnet wurde.

          Spezielle Kosten-Nutzen-Rechnung

          Farages Argument, dass der Lockdown mehr „Lebensjahre“ koste, als er rette, findet auch auf bei den Konservativen Widerhall. Graham Brady, der das einflussreiche fraktionsinterne „1922 Committee“ leitet, rechnete dies am Beispiel der Selbstmorde vor, die sich in London laut Rettungsmedizinern verdoppelt haben. Brady bezog sich auf die landesweit 6000 Selbstmorde im vergangenen Jahr und nahm für 2020 eine Steigerung um 50 Prozent an. Weil das Durchschnittsalter von Selbstmördern bei 37 Jahren liege, wäre der Verlust an Lebensjahren gleichbedeutend mit 120.000 Corona-Toten, deren Durchschnittsalter 82 Jahre sei. Bislang beklagt das Königreich, je nach Zählweise, 46.000 bis 60.000 Corona-Tote.

          Vom Brexiteer zum Lockdown-Gegner: Nigel Farage
          Vom Brexiteer zum Lockdown-Gegner: Nigel Farage : Bild: AFP

          Neben der Kosten-Nutzen-Rechnung hob Brady den Verlust von Grundrechten hervor. In den vergangenen sieben Monaten hätte man „der Regierung erlaubt, in die privatesten und intimsten Bereiche des Lebens einzugreifen“, sagte er am Montag. „Hätte ein totalitäres Regime versucht, den Menschen vorzuschreiben, mit wem sie Sex haben dürfen, ob sie ihre Eltern besuchen oder welche Kategorie von Arbeitern ihre Familien ernähren dürfen, hätten wir das als inakzeptables Übel angeprangert.“ Man dürfe nicht in eine Zeit zurückkehren, in der das „Recht auf einen Parkspaziergang von der Laune eines Ministers abhängt“, sagte Brady und warnte, dass die „leichtfertige Aufgabe von Freiheit und Menschenrechten“ immense Kosten haben werde.

          Die Rebellen fordern zumindest Zugeständnisse. Zum einen soll Johnson garantieren, dass der Lockdown wirklich am 2. Dezember beendet wird – dies hatte ein Minister am Sonntag in Frage gestellt. Zum anderen verlangen die Abgeordneten das Versprechen, dass es der letzte Lockdown sein wird. Johnson kam ihnen am Montag mit einem Angebot entgegen. Nach dem 2. Dezember soll noch einmal darüber abgestimmt werden, wie es weitergeht.

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