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Bogenschütze in Kongsberg : Norwegischer Geheimdienst schließt „Terrorakt“ nicht aus

Die Polizei in Kongsberg am Morgen nach der Tat Bild: AP

Der Bogenschütze von Kongsberg war polizeibekannt. Laut den Ermittlern geriet der 37 Jahre alte Däne wegen einer möglichen Radikalisierung ins Visier.

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          Es war 18.12 Uhr als die ersten Notrufe bei der Polizei eintrafen. Ein Mann ziehe mit Pfeil und Bogen durch das Zentrum von Kongsberg. Eine alte norwegische Bergbaustadt etwa 80 Kilometer südwestlich von Oslo, gut 27.000 Einwohner hat sie heute. Der Mann schieße auf Menschen, in einem Supermarkt und auf seinem Weg durch das Zentrum. Schnell wird von Verletzten berichtet und von Toten. Zeugen berichten später von einem Mann mit Pfeilen in seinem Köcher und einem Bogen in der Hand. Von Menschen, die Schutz suchen oder zu fliehen versuchen. Bilder zeigen dunkle Pfeile auf dem Asphalt und in Holzwänden.

          Matthias Wyssuwa
          Politischer Korrespondent für Norddeutschland und Skandinavien mit Sitz in Hamburg.

          Um 18.47 Uhr wird der mutmaßliche Täter von den Einsatzkräften festgenommen. In den 34 Minuten dazwischen hat er fünf Menschen getötet und zwei weitere schwer verletzt. Der Mann hat die Tat der Polizei gestanden, teilte sein Anwalt laut norwegischen Medien später mit. Sein Motiv blieb zunächst unklar. Die Polizei wollte Terror nicht ausschließen. Es gibt Hinweise, die dies zumindest als möglich erscheinen lassen. 

          Norwegen ist am Donnerstag noch tief geschockt von der Tat am Abend zuvor. Eigentlich hätte Jonas Gahr Støre an diesem Tag alle Aufmerksamkeit gehören sollen im Land, der Chef der Arbeiterpartei übernimmt am Donnerstag die Regierung. Nun muss der neue Ministerpräsident aber von einer „grausamen und brutalen“ Tat sprechen, davon, dass all seine Gedanken bei den Opfern, deren Angehörigen und den Einsatzkräften seien. Es wirke ziemlich unwirklich.

          „Wenn man es am wenigsten erwartet, mitten im Alltag“

          Der norwegische König Harald V. drückt in einem offenen Brief an den Bürgermeister Kongsbergs das Mitgefühl der Königsfamilie aus. „Es erschüttert uns alle, wenn schreckliche Dinge in unserer Nähe passieren, wenn man es am wenigsten erwartet, mitten im Alltag auf offener Straße“, heißt es darin. „Norwegen ist ein kleines Land. Wenn Kongsberg jetzt so hart getroffen wird wie die Gesellschaft, steht der Rest der Nation bei Ihnen.“ Die Kirche von Kongsberg teilt mit, dass sie von Mittwochmorgen an offenstehe für alle, die jemanden zum Reden brauchen, zum Zusammensein. Oder einfach nur Stille.

          Nachdem die Polizei in den Stunden nach der Gewalttat zunächst sehr zurückhaltend war mit Informationen, sind am Donnerstagmorgen immerhin schon ein paar mehr Details bekannt. 37 Jahre alt soll der mutmaßliche Täter sein, ein Däne, der in Kongsberg wohnt. Wahllos schien er seine Opfer ausgewählt zu haben, er soll alleine gehandelt und neben Pfeil und Bogen womöglich noch eine weitere Waffe eingesetzt haben. Der Polizei soll der Mann durch verschiedene Vorfälle bekannt gewesen sein, auch mit den Gesundheitsbehörden soll er mehrmals in Kontakt gewesen sein. Um welche Vorfälle es genau geht, blieb zunächst unklar.

          Auch als die Polizei am Donnerstagvormittag wieder vor die Presse tritt, will man sich noch nicht festlegen. Es werde noch Zeit brauchen, um das genau aufzuklären, äußert der Polizeichef Ole Bredrup Sæverud. Alleine steht er vor einer grauen Wand, er setzt sich nicht einmal auf den für ihn bereitstehenden Stuhl und vor die Mikrofone. Man gehe mehreren Spuren nach. Er bestätigt aber, dass die Polizei bereits vorher Kenntnis von dem Mann hatte – es habe Bedenken wegen einer möglichen Radikalisierung des Mannes gegeben. Der Mann sei zum Islam konvertiert. Es habe aber keine Meldung in diesem Jahr zu ihm gegeben, sondern im Jahr zuvor. Man sei dem nachgegangen. 

          Ole Bredrup Sæverud sagt auch, dass der Mann vier Frauen und einen Mann getötet hat, alle im Alter von 50 bis 70 Jahren. Die beiden Verletzten seien außer Lebensgefahr. Nach seiner Darstellung habe die Polizei um 18.18 Uhr am Mittwochabend zum ersten Mal in Kongsberg Kontakt zu dem mutmaßlichen Täter gehabt, und sei dabei ebenfalls mit Pfeilen beschossen worden. Der Mann konnte so zunächst entkommen, offenbar hat er erst in den Minuten danach die fünf Menschen getötet. Zu dem genauen Inhalt der Aussage des mutmaßlichen Täters in der Nacht, sagt er nichts, aber der Mann sei kooperativ. Und dann ruft Ole Bredrup Sæverud noch dazu auf, nicht weiter in den sozialen Medien Filme mit dramatischen Szenen des Abends zu teilen.

          Am Donnerstagnachmittag kommt dann die Meldung, dass es sich bei dem Anschlag am Mittwochabend nach vorläufigen Erkenntnissen der Ermittler mutmaßlich um einen „Terrorakt“ handelt. Der Angriff in Kongsberg habe in diesem „Stadium“ der Ermittlungen „den Anschein eines Terrorakts“, teilt der norwegische Geheimdienst PST mit.

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