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Kongo : Sieg - oder die Stadt wird brennen

  • -Aktualisiert am

Vor dem Sturm: bewaffnete Polizei in Kinshasa Bild: AFP

Die Anhänger des Oppositionskandidaten Etienne Tshisekedi in Kongo sagen, sie hätten nichts zu verlieren. In der Hauptstadt Kinshasa ist die Angst vor Straßenschlachten mit den Händen zu greifen.

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          Der Mann redet sich innerhalb von Sekunden in Rage. Sein ganzer Körper zittert vor Wut, er hat die Hände zu Fäusten geballt, während die Umstehenden wild durcheinander schreien und mit Pappkartons fuchteln, auf denen der kongolesische Präsident Joseph Kabila als „Mörder“ oder „Dieb“ bezeichnet wird. Der Mann mit den Fäusten heißt Albert Mavuko.

          Er trägt ein besticktes Hemd, eine ausgeleierte Hose vom Altkleidermarkt und billige Schuhe mit krummen Absätzen. „Ich bin 31 Jahre alt, habe noch nie einen Job gehabt, kann deshalb nicht heiraten und muss bei meinen Eltern leben. Das ist doch nicht normal“, schimpft er. „Was hat uns dieser Kabila denn gebracht?“, fragt er - und die Meute antwortet mit Inbrunst: „Nichts!“

          Angst geht um

          Dienstagmittag, Marché de Bayaka in dem „Cité“ genannten Armenviertel von Kinshasa: Es sind nur noch wenige Stunden bis zur Verkündung der vorläufigen Wahlergebnisse der Präsidentenwahl der vergangenen Woche, und die Stadt hält den Atem an. Der Markt von Bayaka, wo sonst neben Lebensmitteln gebrauchte Ersatzteile für Autos und Motorräder verkauft werden, ist zu drei Vierteln leer. Angst geht um.

          Nach vorläufigen Teilergebnissen, die sich auf rund 70 Prozent der mehr als 64 000 Wahlbüros beziehen, führt Kabila vor seinem Herausforderer Etienne Tshisekedi mit 46 Prozent zu 36 Prozent. In Kinshasa will das keiner glauben. „Tshisekedi hat gewonnen, und alles andere ist Fälschung“, rufen die Menschen in Bayaka.

          Spärlicher Verkehr, geschlossene Geschäfte

          Die Metropole Kinshasa ist Tshisekedi-Land, sie war das immer schon, und der 78 Jahre alte Führer der „Union pour le démocratie et le progrès social“ (UDPS) kann sich hier auf eine Wählerschaft verlassen, die deutlich über 70 Prozent liegt. Deshalb kann sich hier auch niemand vorstellen, dass Kabila unter Umständen tatsächlich in Führung liegt, weil im Rest des Landes eine andere politische Meinung vorherrscht als in Kinshasa - die Kinois genannten Einwohner der Hauptstadt pflegen nämlich alles zu ignorieren, was nicht Kinois ist. Das vorläufige Ergebnis ist, dass Kinshasa sich für gewaltsame Ausschreitungen rüstet.

          Die Angst vor Straßenschlachten ist nahezu mit den Händen zu greifen. Der Verkehr in der Millionenstadt ist spärlich, viele Geschäfte haben geschlossen und zahlreiche Angestellte haben beschlossen, am Dienstag lieber zu Hause zu bleiben.

          In allen Stadtteilen sind Bereitschaftspolizisten in Stellung gegangen, die mit ihrem dicken Körperschutz aussehen wie schwarze Schildkröten. Die Armee patrouilliert ebenfalls, wenn auch wesentlich diskreter als die Polizei. 20.000 Soldaten sind inzwischen in Kinshasa zusammengezogen worden und sollen notfalls die Polizei unterstützen. Der Polizeichef des Landes, Charles Bisengimana, gab am Dienstagmorgen die Parole aus, der 6. Dezember sei „ein Tag wie jeder andere“. Doch das ist er nicht.

          Der 6. Dezember markiert vielmehr einen Wendepunkt in der noch sehr jungen Geschichte der Demokratie in Kongo. Es geht schlicht um die Frage, ob eine Oppositionspartei eine vermeintliche Wahlfälschung auf legalem Weg anfechten wird oder ob sie den Einsatz von Molotowcocktails und Schlagstöcken für Instrumente demokratischer Mehrheitsfindung hält.

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