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Kongo : Menschliches Strandgut vor Goma

  • -Aktualisiert am

Rückkehr in zerstörte Dörfer Bild: dpa

Die Angst vor den Kämpfern des früheren Generals Nkunda ist den Flüchtlingen anzusehen. Doch sie kehren heim, weil sie auf der Flucht nicht überleben können und ihre Lager abgebrannt sind. Den Rebellen ist es recht: Ohne Flüchtlinge keine lästige internationale Präsenz.

          Zehntausende Menschen quälen sich in endlosen Kolonnen durch den Regen bergauf. Die Frauen tragen Bündel mit ihren wenigen Habseligkeiten auf dem Kopf, die Männer treiben Kühe und Ziegen vor sich her, selbst die Kinder schleppen Kochtöpfe und leere Wasserkanister. Es hat etwas Apokalyptisches, wie sich diese abgemagerten Menschen durch die Virunga-Berge schleppen, vorbei an den Spuren der Kämpfe, die sich die kongolesische Armee und die Rebellen des desertierten Generals Laurent Nkunda vor nicht einmal einer Woche hier geliefert haben. Doch die Menschen auf der Straße nach Rutshuru fliehen nicht mehr vor Kugeln und Granaten. Sie kehren in ihre Dörfer zurück, die jetzt von Nkunda-Kämpfern kontrolliert werden. Der Hunger treibt sie.

          Es müssen fürchterliche Kämpfe gewesen sein. Überall am Rand der Straße von Goma nach Rutshuru liegen Hülsen großkalibriger Waffen, von Maschinengewehren bis hin zu Panzergeschossen. Uniformen, die sich die Regierungssoldaten bei ihrem Rückzug hastig vom Leib gerissen haben, flattern in den Sträuchern. Ein Sendemast des Mobilfunkbetreibers Vodacom ist nach einem Volltreffer eingestürzt. Am Eingang zu dem für seine Berggorillas berühmten Virunga-Nationalparks verwest der Leichnam eines Regierungssoldaten im Morast. Die Flüchtlinge ziehen vorbei. Niemand hebt den Kopf.

          Zurück in die Ungewissheit

          Einer von ihnen ist Jabel Kimase. Einen Monat hatte er an der Stadtgrenze von Goma campiert, zuerst auf einem offenen Feld, dann unter einer Plastikplane. Hilfe hatte er dort keine erhalten, weil die meisten Hilfsorganisationen sich nicht mehr aus Goma heraustrauen. Die wenigen, die sich noch bis an die Front bei Kania-Rutshina acht Kilometer außerhalb der Stadt wagten, konnten angesichts der schieren Masse der Menschen nicht viel ausrichten. 250.000 Leute waren es zum Schluss, als die Rebellen Ende vergangener Woche einen einseitigen Waffenstillstand verkündeten, nachdem die kongolesische Armee geflohen war. Seither hat sich das Leben in Goma zwar weitgehend normalisiert. Um das menschliche Strandgut am Stadtrand aber kümmert sich kaum einer.

          Kilometerlange Märsche mit allen Habseligkeiten, die gerettet werden konnten

          Die schweren Regenfälle am Wochenende hätten ihm den Rest gegeben, sagt Jabel. Er will jetzt heim nach Rugari, das von den Rebellen kontrolliert wird. Was ihn und seine zwölfköpfige Familie dort erwartet, weiß er nicht. Den drei kleinen Kindern läuft unentwegt die Nase, so erkältet sind sie. Die jüngere seiner beiden Frauen stillt den Säugling. Sie hat längst keine Milch mehr, doch das Kind ist zum Schreien viel zu schwach. Jabel hofft, dass seine Hütte in Rugari noch steht. „Damit wir endlich aus diesem Regen herauskommen“, sagt er.

          Rohstoffvorkommen in Nkundas Gebiet

          50.000 Flüchtlinge hatten die Kämpfe nach Goma gespült. 250 .00 weitere hat die Monuc, die Mission der Vereinten Nationen, an der Stadtgrenze gestoppt, weil sie niemand in Goma haben will. Denn die Flüchtlinge sind ausnahmslos Hutus, vertrieben von dem Tutsi Nkunda. Eine solche Konzentration von Hutus in einer Stadt, in der zahlreiche kongolesische Tutsi leben, hätte in einer Katastrophe enden können. Nicht umsonst hatte der britische Premierminister Gordon Brown am Wochenende von der Gefahr eines Genozids wie 1994 in Ruanda gesprochen – zumal der kongolesische Präsident Joseph Kabila offenbar mit einem Volksaufstand gedroht hat, sollte die internationale Gemeinschaft ihm nicht endlich Nkunda vom Hals schaffen. Die habe ihn schließlich im vergangenen Jahr daran gehindert, Nkunda militärisch zu besiegen. Ob das nun zutrifft oder nicht: Angesichts der Geschwindigkeit, mit der sich europäische und amerikanische Minister nach Kinshasa und Kigali aufmachten, scheint die Drohung Kabilas gewirkt zu haben.

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