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Kongo : Hexenkinder

  • -Aktualisiert am

„Glücklich” nennt sich, wer in einem Heim lebt Bild: F.A.Z. - Foto Wolfgang Eilmes

Sie werden immer mehr. Ihre Familien verstoßen sie, weil sie sie für Dämonen halten, oder weil sie einfach ein hungriger Magen zuviel sind. Bis zu 25.000 solcher „Hexenkinder“ kämpfen in Kongos Hauptstadt um ihr Überleben. Thomas Scheen berichtet aus Kinshasa.

          7 Min.

          Die Dunkelheit ist längst hereingebrochen. Hinter einem Müllberg an der belebten Kreuzung Matonge, Place de la Victoire, liegt ein undefinierbares Knäuel auf der Treppe. Erst beim Näherkommen zeichnen sich schemenhaft menschliche Konturen ab: ein Fuß, ein Kopf in einer Kapuze, ein angewinkeltes Bein. Das Knäuel entpuppt sich als eine Gruppe von Kindern, die sich wie junge Hunde im Schlaf aneinanderschmiegen, um in der Kühle der Nacht nicht zu frieren.

          Blaise Chrispain berührt sanft den am nächsten liegenden Körper. Der Junge reißt erschreckt die Augen auf. „C'est moi“, flüstert Blaise und tritt sofort zwei Schritte zurück: „Ça va?“ Der Junge, den Blaise als „Fiston“ (Söhnchen) angesprochen hat, nickt schläfrig. „Oui, ça va bien.“ Fiston und die anderen neun Kinder auf der schmutzstarrenden Treppe sind sogenannte enfants sorciers - verhexte Kinder. Zwischen 20.000 und 25.000 solcher „Hexenkinder“ leben auf den Straßen der kongolesischen Hauptstadt Kinshasa - ausgestoßen von ihren Familien, weil sie von einem Dämon besessen sein sollen, der Unglück über die ganze Sippe bringt.

          Reis aus geplatzten Säcken

          Fiston scheint endlich ganz zu sich gekommen zu sein, denn er kräht die Neuigkeit laut in die Runde: „Blaise est là.“ Der grauköpfige Blaise ist bekannt bei den „Hexenkindern“. Blaise arbeitet für die Hilfsorganisation Orper (OEuvre de reclassement et de protection des enfants de la rue), die von dem polnischen Steyler-Missionar Zbigniew Orlikowski geleitet wird und sich seit einem Vierteljahrhundert um die Straßenkinder von Kinshasa kümmert.

          In der Nacht schmiegen sie sich wie junge Hunde aneinander

          Seit dieser Zeit fährt Blaise jeden Abend mit einem Kleinbus durch die nächtliche Stadt. Er sucht die Schlafstellen der Kinder auf, spricht ihnen zu, holt sie in seinen Bus, um ihnen die Wunden des Tages zu verbinden; die Platzwunden von den Prügeleien und die Schnittwunden an den Füßen, weil kaum eines der Kinder ein Paar Latschen besitzt.

          So langsam kommt Leben in das Knäuel hinter dem Müllberg. Ein Kind nach dem anderen streckt sich und rappelt sich auf die Füße, während dicke Ratten über den Müllberg huschen. Blaise hat sauberes Wasser dabei, und da die Kinder ein bißchen Reis ergattert haben, den sie aus geplatzten Säcken auf dem Markt aufgeklaubt haben, können sie sich eine Mahlzeit zubereiten. Sie machen ein Feuer und stellen einen verbeulten Topf darüber, doch der Inhalt wird kaum für die zehn Mäuler reichen.

          „Ich bin verhext, hat sie gesagt“

          Fiston führt derweil das Wort. Großspurig wirkt er, mit der Zigarette im Mundwinkel und den ruckartigen Armbewegungen, die er sich anscheinend amerikanischen Hip-Hop-Rockern abgeschaut hat. Zehn Jahre sei er alt, sagt er. Fiston erzählt, wie es kam, daß er auf einer Betonplatte mitten in der Stadt leben muß. Wie er von seiner Stiefmutter auf die Straße gesetzt wurde. Damals, nachdem seine Mutter gestorben war und sein Vater wieder geheiratet hatte. Die neue Frau wollte ihn nicht.

          Als der Vater für einige Tage außer Hauses war, hatte sie das Kind vor die Tür gesetzt. Und warum? „Ich bin verhext, hat sie gesagt.“ Vier Jahre sei das nun her, vielleicht auch fünf, so genau erinnere er sich nicht. Ob er wisse, was es bedeute, verhext zu sein? Der Junge schüttelt energisch den Kopf. „Keine Ahnung.“

          Selbst Fünfjährige auf der Straße

          Der angebliche Dämon, der den Kindern innewohnen soll, ist in Wahrheit nur ein billiger Vorwand, die Kinder loszuwerden und sich damit der Kosten zu entledigen, die Kinder nun einmal verursachen. Die meisten „Hexenkinder“ von Kinshasa sind zwischen zehn und 13 Jahre alt. Doch es sind auch Fünfjährige darunter. Und es werden immer mehr. Der wirtschaftliche Niedergang Kongos hat nahezu die gesamte kongolesische Gesellschaft in bittere Armut gestürzt. Kaum eine Familie verfügt über mehr als zehn Dollar Monatseinkommen, und da ist jedes Maul, das gestopft werden muß, eines zuviel.

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