https://www.faz.net/-gpf-6vp9w

Kongo : Frontbericht von der Stimmauszählung

  • -Aktualisiert am

Kabila verkündet seinen Sieg im Fernsehen Bild: AFP

Kinshasa erlebte einen Tag der Angst - der Angst vor dem Ergebnis der Präsidentenwahl in Kongo und vor den womöglich blutigen Folgen. Sowohl Wahlsieger Kabila als auch Herausforderer Tshisekedi beanspruchen das Präsidentenamt für sich.

          Es war eine nervenaufreibende Woche für die kongolesische Bevölkerung, und das Warten auf die vorläufigen Endergebnisse der Präsidentenwahl ging am Freitagmorgen in eine nächste Runde. Erst am Nachmittag konnte die Unabhängige Wahlkommission mit einem Ergebnis aufwarten und den erwarteten Sieg von Amtsinhaber Joseph Kabila bestätigen.

          Nun ist es amtlich: Nach den vorläufigen Endergebnissen der zweiten demokratischen Wahl in Kongo-Kinshasa hat Kabila einen deutlichen Sieg über seinen Herausforderer Etienne Tshisekedi erzielen können. Kabila erhielt 48,9 Prozent der Stimmen, Tshisekedi 32,3 Prozent. Die Wahlbeteiligung war mit 58 Prozent viel niedriger als bei der vorigen Wahl. Tshisekedi nannte das verkündete Ergebnis eine „Provokation des kongolesischen Volks“ und beanspruchte das Amt des Präsidenten für sich.

          Dabei stand seit Tagen fest, dass Tshisekedi die Wahl verloren hat. Unklar blieb zunächst nur, ob er seine kaum verhohlenen Drohungen zurücknehmen und das seiner Meinung nach gefälschte Wahlergebnis mit legalen Mitteln anfechtet oder ob er seine Anhänger in einen gewaltsamen Kampf führen will. Als die Veröffentlichung der Wahlergebnisse am Donnerstag ein weiteres Mal verschoben worden war, hatte Tshisekedi die Bevölkerung aufgerufen, „Verantwortung zu übernehmen“. Noch deutlicher kann man nicht zu Krawallen aufrufen. Unmittelbar nach der Verkündigung der vorläufigen Wahlergebnisse kam es in vielen Stadtteilen Kinshasas zu heftigen Auseinandersetzungen.

          Ob die Verzögerung bei der Verkündigung der Resultate wirklich nur an der chaotischen Auszählung lag oder ob diese Zeit genutzt worden war, um Tshisekedi mürbe zu machen, ist ebenso unklar; es gibt Gerüchte, dem unterlegenen Kandidaten sei Geld geboten worden. Eigentlich sollten die Resultate schon am Dienstag vorliegen, dann am Donnerstag. Am Donnerstagabend wurden die in Kongo akkreditierten Botschafter denn auch für 20 Uhr zum Sitz der Wahlkommission gebeten – und nichts passierte.

          Kleinste Gerüchte führen zu Panik

          Dann hieß es, die Wahlkommission müsse noch die elektronisch übermittelten Ergebnisse aus den Wahlbezirken gegen die handschriftlich verfassten Bulletins abgleichen, weshalb die Ergebnisse erst am Freitag bekanntgegeben werden könnten. Womit der Freitag für die Menschen in Kinshasa genauso begann wie die zurückliegenden Tage auch: mit Angst vor gewaltsamen Auseinandersetzungen zwischen den Anhängern Tshisekedis und den Sicherheitskräften.

          So reichte am Freitag das kleinste Gerücht, um die Menschen in Panik zu versetzen. Zum Beispiel in Matonge, einem der quirligsten Viertel Kinshasas: In einem Moment noch bieten Straßenverkäufer alles an von Papiertaschentüchern bis hin zu Telefonkarten, kräftige Männer schieben ihre Pous-Pous genannten Handkarren rücksichtslos durch den Verkehr, und die Fahrer der ramponierten Minibusse buhlen lautstark um Kundschaft. Auf den Bürgersteigen braten Frauen Teigkugeln in siedendem Öl, der Friseur arbeitet unter freiem Himmel.

          Schon gegen Mittag ist Feierabend

          Dann hört einer das Gerücht, die Tshisekedi-Partei „Union pour la démocratie et le progrès social“ (UDPS) mache mobil und es habe wieder Tote gegeben. Die Geschichte macht die Runde am zentralen Place Victoire, und im nächsten Moment fallen Stühle und Kochtöpfe um; jeder versucht hastig, sich in Sicherheit zu bringen. Dabei spielt es keine Rolle, vor wem man sich mehr fürchtet: den Schlägern der UDPS, den Kriminellen in ihrem Gefolge oder den inzwischen allseits präsenten Polizisten.

          Im Stadtteil Gombe wiederum, dem Geschäftszentrum Kinshasas, war schon gegen Mittag Feierabend. Banken, Büros und größere Geschäfte hatten ihrer Belegschaft um diese Uhrzeit ins Wochenende geschickt, damit die noch rechtzeitig vor den erwarteten Krawallen nach Hause kommt.

          Keine Beweise für eine Wahlfälschung

          In Limete, wo sich am Hauptquartier der UDPS am Donnerstag noch eine Gruppe von Tshisekedi-Anhängern laut darüber Gedanken gemacht hatte, ob es ihrer Sache nicht dienlich sei, einen europäischen Journalisten zu töten oder zumindest ernsthaft zu verletzen, marschierte am Freitagmittag schwerbewaffnete Polizei auf. Westliche Botschaften verschickten „Sicherheitshinweise“ an ihre Landsleute, in denen geraten wurde, Lebensmittelvorräte anzulegen und Tür und Tor zu verrammeln.

          Was klingt wie ein Frontbericht, ist nur eine Beschreibung des Versuchs, den Sieger einer demokratischen Wahl auszurufen. Dass Amtsinhaber Joseph Kabila diese Wahl gewonnen hat, stand seit einigen Tagen fest. Die letzten veröffentlichten Teilergebnisse, die sich auf rund 90 Prozent aller Wahlbüros bezogen hatten, bezifferten die Zustimmung für Amtsinhaber Joseph Kabila auf 49 Prozent, während Tshisekedi auf 33 Prozent kam. Doch unmittelbar nach Veröffentlichung der ersten Teilergebnisse hatten Tshisekedi und andere Präsidentschaftskandidaten Kabila Wahlfälschung vorgeworfen. Beweise haben sie noch nicht liefern können.

          Weitere Themen

          Tausende protestieren gegen rechte Demo Video-Seite öffnen

          Kassel : Tausende protestieren gegen rechte Demo

          Die Stadt Kassel war vor dem Hessischen Verwaltungsgerichtshof mit dem Versuch gescheitert, den Aufmarsch der Rechtsextremen der Kleinstpartei „Die Rechte“ zu verbieten.

          Topmeldungen

          Annegret Kramp-Karrenbauer am Samstag beim feierlichen Gelöbnis neuer Rekruten zusammen mit Eberhard Zorn, Generalinspekteur der Bundeswehr

          Annegret Kramp-Karrenbauer : Mehr Unterstützung für die Ministerin, bitte!

          Als Parteichefin hat Kramp-Karrenbauer schwere Wahlkämpfe vor sich. Gleichzeitig will sie ihr Ministerium und die Truppe besser kennenlernen. Eine kaum zu bewältigende Aufgabe. Sie verdient dabei Unterstützung – gerade aus der Bundeswehr.
          Emanuel Buchmann (vorne) und Thibaut Pinot (Zweiter von vorne) bei der Tour de France

          Tour de France : Buchmanns Glanzstück am Tourmalet

          Bei der Fahrt auf den berüchtigten Tourmalet ist Thibaut Pinot am Schnellsten. Zweiter wird ebenfalls ein Franzose, der das Gelbe Trikot behält. Emanuel Buchmann landet nach einer starken Leistung auf Platz vier.
          Bereits ab 14.00 Uhr könnte die gefühlte Temperatur über 32 Grad liegen, dann herrscht Warnstufe 2. (Archivbild aufgenommen in Berlin)

          Deutscher Wetterdienst : Hitzewarnung für Deutschland

          Der Deutsche Wetterdienst rechnet ab Montag mit ersten Hitzewarnungen. Ab Mittwoch soll dann ganz Deutschland von einer Hitzewelle erfasst werden. Besonders Kinder, alte und kranke Menschen sind durch die hohen Temperaturen gefährdet.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.