https://www.faz.net/-gpf-71xpp

Kongo : Die Rückkehr der Räuber

  • -Aktualisiert am

Am Fuße des Vulkans Nyiragongo: Anfang dieser Woche in einem Flüchtlingslager nahe Goma Bild: dapd

Von Ruanda finanzierte Rebellen wüten wieder einmal im Osten Kongos. Ihr Ziel ist die Kontrolle über die wertvollen Rohstoffe. Die kongolesische Regierung greift nicht zum Schutz der Menschen ein – im Gegenteil.

          7 Min.

          Geschickt verknotet Charles Thomeyni die in Streifen geschnittene Rinde um die vier gebogenen Weidenäste. Dann rüttelt er an dem Gestell, um zu sehen, ob das Ganze nicht wieder zusammenfällt. Tut es nicht. Zufrieden stutzt Charles den nächsten Ast mit kurzen Hieben einer Machete. Jeder Handgriff sitzt. Man sieht, dass er das nicht zum ersten Mal macht. Als das Gerüst nach zehn Minuten steht, bedeckt es eine Fläche von einem Meter auf zwei Metern. Was noch fehlt, ist ein Dach in Form einer Plastikplane – damit wäre die klassische afrikanische Flüchtlingsbehausung fertiggestellt.

          Charles Thomeyni hat in den vergangenen Jahren etliche solcher Verschläge bauen müssen. Vor Kämpfen, Plünderern und Wegelagerern zu fliehen, ist für ihn zu einer traurigen Normalität geworden. Dabei ist Charles nur ein harmloser Bauer. In Kibati, einem Weiler unweit der ostkongolesischen Provinzstadt Goma, nennt er ein paar Felder sein Eigen, auf denen er Kartoffeln, Tomaten und Salat anbaut. Doch Kibati ist wieder einmal an die Räuber gefallen, wie schon so oft in den vergangenen Jahren. Und jedes Mal rennt Charles um sein Leben.

          1996 musste die Bevölkerung von Kibati vor der ruandischen Armee fliehen, als diese den Krieg gegen die Völkermörder aus dem eigenen Land nach Kongo trug; 1998 brachte sich Charles vor den von Ruanda finanzierten kongolesischen Rebellen des „Rassemblement congolais pour la démocratie“ (RCD) in Sicherheit, und warum er 2006 wieder alles stehen und liegen lassen musste, hat er mittlerweile vergessen. 2008 lief er dann vor den Rebellen des desertierten kongolesischen Generals Laurent Nkunda weg. Nkunda, der von der ruandischen Regierung ausgehalten wurde, gab damals vor, gegen die letzten Hochburgen der Interahamwe in Kongo zu kämpfen, jenen Massenmördern, die für den Völkermord in Ruanda im Jahr 1994 verantwortlich waren. Dafür tötete Nkunda Massen von kongolesischen Zivilisten. Und nun muss Charles vor den Rebellen eines Mannes flüchten, der Bosco Ntaganda heißt, ehedem die rechte Hand von Nkunda war und laut einem Bericht der Vereinten Nationen Waffen, Munition und Rekruten aus Ruanda erhält. „Das sind die immer gleichen Barbaren“, sagt der Bauer über die Abfolge der Mörderbanden.

          Seit zehn Tagen hockt Charles nun zusammen mit 40 000 weiteren Flüchtlingen am Stadtrand von Goma. Er kennt das bereits. Und er weiß, dass er jetzt erst einmal warten muss. Warten auf Hilfslieferungen, und vor allem: warten auf ein Ende des neuesten bewaffneten Konfliktes in der ostkongolesischen Provinz Nordkivu. „Diese Banditen kommen immer dann, wenn die Ernte reif ist, das ist fast zu einem Ritual geworden“, sagt er, „kommen einfach über die Grenze und berauben uns.“ Wer kommt über die Grenze? „Na, diese Tutsi aus Ruanda.“

          Kämpfe seit 1996

          Der Bauer Charles Thomeyni ist Opfer eines skrupellosen Kampfes um die Macht in Ostkongo. Dabei geht es um die Kontrolle über die kongolesischen Rohstoffe. Das kleine Land Ruanda versucht, sich einen Teil Kongos, nämlich die beiden Kivu-Provinzen, einzuverleiben. Die Vereinigten Staaten haben ihrem ehemaligen Verbündeten Ruanda dafür die Militärhilfe gestrichen, Deutschland, Großbritannien und die Niederlande haben Teile ihrer Entwicklungshilfe eingefroren. Der ruandische Präsident Paul Kagame bestreitet natürlich jede Verwicklung in den ostkongolesischen Konflikt, aber darin hat er Übung – schließlich dauert die Auseinandersetzung in Ostkongo schon seit 1996 an.

          Hinter dem jüngsten Konflikt in Nordkivu steckt eine komplizierte Geschichte. Der Konflikt begann im März dieses Jahres, als der kongolesische General Bosco Ntaganda mitsamt seiner Leute aus der Armee desertierte und eine Rebellengruppe namens „M 23“ gründete, benannt nach dem 23. März 2009 – dem Datum, an dem der Rebell Ntaganda seinen ruandischen Freunden den Rücken gekehrt und eine Art Separatfrieden mit der kongolesischen Regierung geschlossen hatte.

          Offiziell begründen die Rebellen ihren Kampf mit den Versprechungen, die die kongolesische Führung ihnen beim Eintritt in die Armee gemacht haben soll und die nie eingehalten wurden. Es geht natürlich um Geld, und verwunderlich sind die Vorwürfe schon deshalb nicht, weil die kongolesische Armeeführung in dem Ruf steht, nichts weiter als eine Ansammlung von Geschäftemachern in Uniform zu sein. Doch auch, wenn die Vorwürfe berechtigt sein könnten, ist dieses Argument nur vorgeschoben.

          Welchen Schutz bietet die UN? Ein gepanzertes Fahrzeug der Blauhelme vor Kibati Bilderstrecke

          Ntaganda, der sich selbst gerne „Terminator“ nennen lässt, ist eine illustre Figur in den endlosen Konflikten an den Großen Seen. Er war einmal die rechte Hand des unlängst in Den Haag verurteilten Kriegsfürsten Thomas Lubanga, bevor er sich Nkunda anschloss. Der Internationale Strafgerichtshof sucht Ntaganda wegen des Verdachts auf Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit. Anfang 2009 fiel er seinem Herrn Nkunda in den Rücken und wurde, wie das so geht in Kongo, dafür mit den Generalsstreifen der Armee belohnt. Seine Kämpfer brachte er gleich mit, 6000 an der Zahl.

          Im März dieses Jahres verschwand Ntaganda dann wieder mitsamt vielen seiner Männer – just zu dem Zeitpunkt, als zuerst der kongolesische Staatschef Joseph Kabila öffentlich seine Verhaftung erwog und kurz darauf der Chefankläger des Internationalen Strafgerichtshofes eine lebenslange Haftstrafe für Ntagandas ehemaligen Spießgesellen Lubanga forderte. Seither tröstet sich nicht nur die kongolesische Regierung mit der Illusion, Ntagandas Desertion sei eine Art Kurzschlussreaktion gewesen und sein Raubzug durch die Provinz insofern ein ernstes, aber kein wirklich bedrohliches Problem.

          100 Tonnen Kriegsgerät für Ntaganda

          Die Wahrheit sieht leider anders aus. Ntagandas Verschwinden war von langer Hand geplant und die Unterstützung, die seine Rebellenbewegung nachweislich aus Ruanda erhält, ist so etwas wie die Wiederauflage des Nkunda-Dramas; eine Wiederauflage allerdings, die erst durch die Blauäugigkeit der kongolesischen Regierung möglich wurde, die wieder einmal vom Regime in Ruanda vorgeführt worden zu sein scheint.

          Als sich Ntaganda 2009 mit seinen Männern ergab und ihn die kongolesische Armee dafür integrierte, wurde er damit aus dem Stand zum obersten Interahamwe-Jäger in Kivu befördert. Das war eine Forderung Ruandas, das sich durch die Präsenz der Völkermörder in Kongo nach wie vor bedroht fühlt. Ntagandas neue Truppe war aber nicht dem Kommando der 8. Brigade unterstellt, die in Goma ihr Hauptquartier hat, sondern operierte mehr oder weniger freihändig. Nach Informationen dieser Zeitung wurden der Ntaganda-Truppe 2009 und 2010 knapp 100 Tonnen nicht registrierte Waffen und Munition von der kongolesischen Regierung geliefert, womit der Statthalter ruandischer Interessen in Kongo über Nacht zum Chef des am besten bewaffneten Armeeteils des Landes aufstieg. Diese Lieferungen fanden ohne die Autorisierung des kongolesischen Parlaments statt.

          Im Frühjahr 2011 desertierten die ersten von Ntagandas Männern, was allerdings von der kongolesischen Armee als „Disziplinlosigkeit“ abgetan wurde. Diese Deserteure setzten sich indes nicht in die Region Masisi ab, wo die meisten von ihnen herkommen und es außer Rindern nicht viel zu stehlen gibt, sondern nach Walikale, wo die großen Koltan-Vorkommen Kongos lagern. Koltan ist ein sehr wertvolles Erz, das sowohl in der Raumfahrt als auch bei der Herstellung von Handys und Spielkonsolen Verwendung findet. Die Kontrolle über Walikale ist somit höchst lukrativ und die Besetzung des Ortes durch die Ntaganda-Leute war eine Fortsetzung der ruandischen Bestrebungen, die Rohstoffvorkommen im Nachbarland auszubeuten. Daher herrscht in den beiden Kivu-Provinzen seit 1996 nahezu ununterbrochen Krieg.

          Daneben aber hat es die Rebellengruppe M 23 in den vergangenen sechs Monaten geschafft, erstaunliche Allianzen mit anderen bewaffneten Gruppen in Kivu zu schmieden. Obwohl es sich bei den Rebellen überwiegend um kongolesische Tutsi handelt, sogenannte Banymulenge, haben sich ihnen mehrere Mai-Mai-Gruppen angeschlossen. Das ist umso bemerkenswerter, als die Mai-Mai sich selbst als „Selbstverteidigungsgruppen“ gegen die ruandischen Aggressoren bezeichnen und jahrelang von der kongolesischen Regierung mit Waffen versorgt wurden. Inzwischen ist die M 23 so stark geworden, dass die Vereinten Nationen bezweifeln, die kongolesische Armee könne den Vormarsch dieser Rebellen aufhalten. Deren erklärtes Ziel ist es, Goma einzunehmen und damit die kongolesische Regierung aus der wichtigsten Stadt im Osten zu vertreiben. Sollte das tatsächlich gelingen, könnte es durchaus mit dem Sturz der Regierung in Kinshasa enden.

          „Mich wundert das überhaupt nicht“, sagt Viktor Ngezayo, einer der großen Händler in Goma. Ngezayo hatte 2006 vergeblich für den Gouverneursposten in Nordkivu kandidiert und man sagt ihm nach, gute Kontakte in alle Richtungen zu pflegen. „Ich rede mit jedem“, rechtfertigt sich der Geschäftsmann. „Es ist der Frust über unsere Regierung, der die Menschen radikalisiert“, sagt er über die vielen Rebellenbewegungen in der Region, von denen sich etliche der M 23 angeschlossen haben. Die Region Masisi etwa, wo viele kongolesische Tutsi leben und die in 13 sogenannte Groupements aufgeteilt ist, wird von neun bewaffneten Gruppen kontrolliert. „Solche Dinge passieren eben, wenn die staatliche Autorität nur auf dem Papier existiert“, sagt Ngezayo.

          Systematische Destabilisierungdurch Kigali

          Seit den ersten freien Präsidenten- und Parlamentswahlen in Kongo im Jahr 2006 verspricht die Regierung der Bevölkerung Kommunalwahlen. Mittlerweile ist Joseph Kabila nach einer mehr als umstrittenen Wahl im vergangenen Jahr im Amt bestätigt worden. Gewählte kommunale Vertretungen gibt es aber immer noch nicht, und deshalb auch nach wie vor keine direkte politische Partizipation der Bürger. „Seit zehn Jahren ist Kabila Präsident dieses Landes, und seit zehn Jahren passiert hier nichts. Keine Entwicklung, keine Sicherheit, kein gar nichts. Irgendwann hat jeder genug von dieser Lügerei und der unverschämten Abzocke durch Kinshasa“, umschreibt Ngezayo das Lebensgefühl im Osten Kongos.

          Natürlich lässt sich in Goma niemand finden, der die ständige Einmischung Ruandas gutheißt. Im Gegenteil, in den vergangenen Wochen hat es Übergriffe auf Menschen gegeben, die wie Tutsi aussehen. Doch die Enttäuschung über die eigene Regierung ist mindestens so groß wie die Vorbehalte gegenüber dem Regime in Kigali. „Was wir hier erleben, ist die systematische Destabilisierung Kivus durch das Regime in Kigali und unsere eigene Regierung ist derart unfähig, dass sie diesem Spiel auch noch Vorschub leistet“, sagt etwa Estone Kasereka. Er steht der größten Kirche in Nordkivu vor und ist deshalb prominent genug, diese Meinung ohne Angst vor Repressalien öffentlich äußern zu können. „Was uns umbringt, ist unsere eigene Unverantwortlichkeit“, sagt Kasereka: „Wenn eine kongolesische Ethnie sich bewaffnet, weil der Staat sie nicht schützt, bekommt sie es sofort mit der Armee zu tun. Aber den Marionetten der Ruander wie einem Ntaganda wird der rote Teppich ausgerollt. Ich frage mich manchmal wirklich, ob diese ganze Bande in Kinshasa nicht verrückt ist.“

          Dass es der Regierung in Kinshasa im Osten des Landes immer nur um Steuereinnahmen gegangen ist und nie um den Schutz der eigenen Bevölkerung oder nachhaltige wirtschaftliche Entwicklung, davon kann auch der Flüchtling Charles Thomeyni in seiner Hütte ein Lied singen. Als die M-23-Rebellen sein Dorf überfielen und er Hals über Kopf fliehen musste, wurde er auf dem Weg nach Goma vier Mal von zivilen Verwaltungsangestellten aufgefordert, zurückzukehren. „Die wollten weiter Steuern von mir kassieren. Mein Leben war denen völlig egal“, sagt er. Auch von den Parlamentsabgeordneten aus seiner Provinz hat Charles bislang nur einen gesehen. Den Namen hat er vergessen, aber er sagt, es sei ein junger Mann gewesen, einer, der anscheinend noch nicht völlig abgebrüht war. Der junge Parlamentarier hat eine Lastwagenladung Bohnen dagelassen. Ein Becher voll für jeden Flüchtling. Und die anderen Abgeordneten? „Ich vermute, die sind in Kinshasa und lassen es sich gutgehen“, sagt Charles.

          Weitere Themen

          Das ändert sich für Steuerzahler Video-Seite öffnen

          Abschaffung des Solis : Das ändert sich für Steuerzahler

          Der Bundestag hat die weitgehende Abschaffung des Solidaritätszuschlages beschlossen. Seit 1991 tragen die Steuerzahler mit dem Soli maßgeblich zur Finanzierung der deutschen Einheit bei - nach drei Jahrzehnten ist Schluss mit der Sonderabgabe. Sie fällt ab 2021 für 90 Prozent der Steuerzahler weg.

          Topmeldungen

          Notstand ausgerufen : In Venedig wächst die Wut

          Mehr als 80 Prozent der Stadt stehen zwischenzeitlich unter Wasser, die Bewohner sind entsetzt – und sauer auf die Politik: Diese gibt zwar jetzt Millionen Soforthilfe, habe beim Hochwasserschutz aber komplett versagt und stattdessen rücksichtslos den Tourismus gefördert.

          Altmunition im Meer : Sprengstoff im Fisch

          1,6 Millionen Tonnen Munitions- und Sprengstoffreste werden in der deutschen Nord- und Ostsee vermutet. Sie lösen sich langsam auf – und belasten schon jetzt stellenweise Tiere und Pflanzen.
          Der Stoff, aus dem sich viel mehr als eine leckere Suppe kochen lässt: Hokkaido-Kürbis

          Leckeres aus Kürbis kochen : Hitze tut ihm richtig gut

          Die Kürbissaison ist auf ihrem Höhepunkt angelangt. Aber was anstellen mit den Riesenbeeren? Köche sagen: in den Ofen schieben. Wir stellen ein Rezept von Johann Lafer vor und eines, das auf Paul Bocuse zurückgeht.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.