https://www.faz.net/-gpf-71xpp

Kongo : Die Rückkehr der Räuber

  • -Aktualisiert am

„Mich wundert das überhaupt nicht“, sagt Viktor Ngezayo, einer der großen Händler in Goma. Ngezayo hatte 2006 vergeblich für den Gouverneursposten in Nordkivu kandidiert und man sagt ihm nach, gute Kontakte in alle Richtungen zu pflegen. „Ich rede mit jedem“, rechtfertigt sich der Geschäftsmann. „Es ist der Frust über unsere Regierung, der die Menschen radikalisiert“, sagt er über die vielen Rebellenbewegungen in der Region, von denen sich etliche der M 23 angeschlossen haben. Die Region Masisi etwa, wo viele kongolesische Tutsi leben und die in 13 sogenannte Groupements aufgeteilt ist, wird von neun bewaffneten Gruppen kontrolliert. „Solche Dinge passieren eben, wenn die staatliche Autorität nur auf dem Papier existiert“, sagt Ngezayo.

Systematische Destabilisierungdurch Kigali

Seit den ersten freien Präsidenten- und Parlamentswahlen in Kongo im Jahr 2006 verspricht die Regierung der Bevölkerung Kommunalwahlen. Mittlerweile ist Joseph Kabila nach einer mehr als umstrittenen Wahl im vergangenen Jahr im Amt bestätigt worden. Gewählte kommunale Vertretungen gibt es aber immer noch nicht, und deshalb auch nach wie vor keine direkte politische Partizipation der Bürger. „Seit zehn Jahren ist Kabila Präsident dieses Landes, und seit zehn Jahren passiert hier nichts. Keine Entwicklung, keine Sicherheit, kein gar nichts. Irgendwann hat jeder genug von dieser Lügerei und der unverschämten Abzocke durch Kinshasa“, umschreibt Ngezayo das Lebensgefühl im Osten Kongos.

Natürlich lässt sich in Goma niemand finden, der die ständige Einmischung Ruandas gutheißt. Im Gegenteil, in den vergangenen Wochen hat es Übergriffe auf Menschen gegeben, die wie Tutsi aussehen. Doch die Enttäuschung über die eigene Regierung ist mindestens so groß wie die Vorbehalte gegenüber dem Regime in Kigali. „Was wir hier erleben, ist die systematische Destabilisierung Kivus durch das Regime in Kigali und unsere eigene Regierung ist derart unfähig, dass sie diesem Spiel auch noch Vorschub leistet“, sagt etwa Estone Kasereka. Er steht der größten Kirche in Nordkivu vor und ist deshalb prominent genug, diese Meinung ohne Angst vor Repressalien öffentlich äußern zu können. „Was uns umbringt, ist unsere eigene Unverantwortlichkeit“, sagt Kasereka: „Wenn eine kongolesische Ethnie sich bewaffnet, weil der Staat sie nicht schützt, bekommt sie es sofort mit der Armee zu tun. Aber den Marionetten der Ruander wie einem Ntaganda wird der rote Teppich ausgerollt. Ich frage mich manchmal wirklich, ob diese ganze Bande in Kinshasa nicht verrückt ist.“

Dass es der Regierung in Kinshasa im Osten des Landes immer nur um Steuereinnahmen gegangen ist und nie um den Schutz der eigenen Bevölkerung oder nachhaltige wirtschaftliche Entwicklung, davon kann auch der Flüchtling Charles Thomeyni in seiner Hütte ein Lied singen. Als die M-23-Rebellen sein Dorf überfielen und er Hals über Kopf fliehen musste, wurde er auf dem Weg nach Goma vier Mal von zivilen Verwaltungsangestellten aufgefordert, zurückzukehren. „Die wollten weiter Steuern von mir kassieren. Mein Leben war denen völlig egal“, sagt er. Auch von den Parlamentsabgeordneten aus seiner Provinz hat Charles bislang nur einen gesehen. Den Namen hat er vergessen, aber er sagt, es sei ein junger Mann gewesen, einer, der anscheinend noch nicht völlig abgebrüht war. Der junge Parlamentarier hat eine Lastwagenladung Bohnen dagelassen. Ein Becher voll für jeden Flüchtling. Und die anderen Abgeordneten? „Ich vermute, die sind in Kinshasa und lassen es sich gutgehen“, sagt Charles.

Weitere Themen

Sprengstoff im Fisch

Altmunition im Meer : Sprengstoff im Fisch

1,6 Millionen Tonnen Munitions- und Sprengstoffreste werden in der deutschen Nord- und Ostsee vermutet. Sie lösen sich langsam auf – und belasten schon jetzt stellenweise Tiere und Pflanzen.

Das ändert sich für Steuerzahler Video-Seite öffnen

Abschaffung des Solis : Das ändert sich für Steuerzahler

Der Bundestag hat die weitgehende Abschaffung des Solidaritätszuschlages beschlossen. Seit 1991 tragen die Steuerzahler mit dem Soli maßgeblich zur Finanzierung der deutschen Einheit bei - nach drei Jahrzehnten ist Schluss mit der Sonderabgabe. Sie fällt ab 2021 für 90 Prozent der Steuerzahler weg.

Von der Leyen kann noch nicht aufatmen

Kein grünes Licht für Ungar : Von der Leyen kann noch nicht aufatmen

Der Start von Ursula von der Leyens neuer EU-Kommission bleibt in der Schwebe: Der Kommissarkandidat aus Ungarn muss in die Nachbefragung. Und wegen Großbritanniens Weigerung, vor den Neuwahlen einen Bewerber zu nominieren, leitet Brüssel derweil ein Strafverfahren ein.

Topmeldungen

Altmunition im Meer : Sprengstoff im Fisch

1,6 Millionen Tonnen Munitions- und Sprengstoffreste werden in der deutschen Nord- und Ostsee vermutet. Sie lösen sich langsam auf – und belasten schon jetzt stellenweise Tiere und Pflanzen.

Kein grünes Licht für Ungar : Von der Leyen kann noch nicht aufatmen

Der Start von Ursula von der Leyens neuer EU-Kommission bleibt in der Schwebe: Der Kommissarkandidat aus Ungarn muss in die Nachbefragung. Und wegen Großbritanniens Weigerung, vor den Neuwahlen einen Bewerber zu nominieren, leitet Brüssel derweil ein Strafverfahren ein.
Ort einer Tragödie: S-Bahnhof Frankenstadion in Nürnberg (Archivbild)

Am S-Bahnsteig : Stoß mit tödlichem Ende

Zwei Jugendliche sind in Nürnberg angeklagt, zwei Schüler ins Gleisbett geschubst zu haben. Die beiden Jungen hatten keine Chance: Den Angriff konnten sie nicht sehen – die Täter standen hinter ihnen.

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.