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Spannungen im Westjordanland : Keine Seite will Schwäche zeigen

Bei Hamra kam es im September zu einem Angriff auf einen Bus mit israelischen Soldaten. Bild: Imago

Seit Wochen nimmt die Zahl der Konfrontationen im Westjordanland zu. Gespräche zwischen der israelischen Regierung und der Palästinensischen Autonomiebehörde sind festgefahren.

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          Kurz vor Mitternacht wurden die beiden Männer von einer Aufklärungseinheit im Norden des Westjordanlandes entdeckt. Der Darstellung der israelischen Armee zufolge kauerten sie unweit der Sperranlage zwischen Israel und dem besetzten palästinensischen Gebiet. Trupps von Soldaten näherten sich den Verdächtigen demnach daraufhin aus zwei Richtungen. Als sie gegen zwei Uhr nachts nur noch wenige Meter entfernt waren, begannen die beiden Palästinenser unvermittelt auf die Soldaten zu schießen; diese erwiderten das Feuer.

          Christian Meier
          Politischer Korrespondent für den Nahen Osten und Nordostafrika.

          Der 30 Jahre alte stellvertretende Kommandeur einer Aufklärungseinheit kam bei dem Schusswechsel ums Leben, ebenso die beiden 22 und 23 Jahre alten Palästinenser, die aus einem nahe gelegenen Dorf bei der Stadt Dschenin kamen. Erst am Dienstag war am selben Ort auf ein Armeefahrzeug geschossen worden. Die „Al-Aqsa-Märtyrer-Brigaden“, die der Fatah-Partei nahestehen, reklamierten beide Attacken für sich. Unklar war am Mittwoch, warum die Soldaten den Palästinensern so nahegekommen waren, obwohl unklar war, ob diese bewaffnet waren oder nicht.

          Israel fürchtet eine Eskalation

          Die tödliche Konfrontation ist eine von vielen. Zahl und Intensität der Auseinandersetzungen zwischen der Armee und Palästinensern im Westjordanland nehmen seit Monaten zu. Im laufenden Jahr sind dabei etwa 83 Palästinenser von israelischen Sicherheitskräften oder von Siedlern getötet worden. Das ist schon jetzt die höchste Zahl in einem Jahr seit 2015. Während die Armee in den meisten Fällen angibt, die Getöteten seien in Kämpfe verwickelt gewesen oder hätten Soldaten angegriffen, waren laut anderen Angaben mehrere Unbeteiligte unter ihnen. Weitere 35 Palästinenser wurden durch israelische Angriffe während des Schlagabtauschs mit dem „Palästinensischen Islamischen Dschihad“ Anfang August im Gazastreifen getötet.

          Die Zahl und Intensität der Auseinandersetzungen zwischen der Armee und Palästinensern im Westjordanland nehmen seit Monaten zu.
          Die Zahl und Intensität der Auseinandersetzungen zwischen der Armee und Palästinensern im Westjordanland nehmen seit Monaten zu. : Bild: dpa

          Zugleich sind 2022 bislang etwa ein Dutzend überwiegend israelische Zivilisten und Sicherheitskräfte von Palästinensern aus dem Westjordanland getötet worden. Die meisten dieser Terrorattacken fanden im Frühjahr in Israel statt. Die Armee verstärkte daraufhin die Überwachung des Grenzzauns, der an vielen Stellen durchlässig geworden war. Zudem wurden die Militäroperationen vor allem im Norden des Westjordanlandes intensiviert.

          Generalstabschef Aviv Kohavi sagte vor einer Woche, bislang seien etwa 1500 Personen festgenommen worden, man habe Hunderte Angriffe vereitelt. Die Armee spricht zudem von mehr als 140 Schusswaffenattacken auf Israelis im Westjordanland im laufenden Jahr; mehr als doppelt so viele wie 2021. In mehr als 250 Fällen hätten Palästinenser explosive Gegenstände geworfen.

          Als Grund für die Zunahme der Attacken wird in politischen und Sicherheitskreisen in Israel vor allem die Schwäche der palästinensischen Sicherheitskräfte ausgemacht. Diese gingen nicht ausreichend gegen Angehörige anderer bewaffneter Gruppen vor, die sich in den Städten Dschenin und Nablus konzentrierten. Manche Beobachter machen dagegen vor allem die Militäroperationen selbst für die gestiegenen Spannungen verantwortlich. Die oft nächtlichen Razzien verstärkten den Unmut unter den Palästinensern, und die führten zu Desillusionierung hinsichtlich der Rolle der Palästinensischen Autonomiebehörde (PA), die untätig bleibt.

          In Israel wird befürchtet, dass es während der anstehenden jüdischen Feiertage zu einer weiteren Eskalation kommen könnte. Ranghohe Offizielle führten kürzlich in Ramallah Gespräche mit dem Ziel, die Sicherheitszusammenarbeit zu verbessern. Das Treffen blieb ergebnislos; die PA verlangt, dass Israel zuerst seine Militäraktionen reduziert. Verteidigungsminister Benny Gantz sagte am Mittwoch freilich, die „gezielten Operationen gegen Terroristen“ würden fortgesetzt, „und wir werden diese Operationen ausweiten, wo nötig“. Wenige Wochen vor der Wahl will in der Regierung niemand Schwäche zeigen.

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