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Konflikt um die Krim : Die Furcht vor den Islamisten

  • -Aktualisiert am

Wider die Abspaltung von der Ukraine: Tatarische Aktivisten Ende Februar bei einer Demonstration in Simferopol Bild: dpa

Religiöse Rivalität und tatarische Solidarität: Auf der Krim kämpfen Islamisten schon seit langem um Einfluss – jetzt nimmt die Sorge zu, der gegenwärtige Konflikt könnte sie radikalisieren.

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          Für jemanden, dem gerade vom neuen Regierungschef seines Landes der Kampf angesagt wurde, wirkt Fasyl Amsajew ausgesprochen ruhig. Der junge Mann in schwarzer Lederjacke und weißem Hemd ist Sprecher der islamistischen Organisation Hizb ut Tahrir (Partei der Befreiung) auf der Halbinsel Krim, einer Organisation, die in mehreren Ländern - darunter auch Deutschland und Russland - verboten ist. Amsajew ist das einzige der Öffentlichkeit bekannte Gesicht der Organisation auf der Halbinsel. Über den dortigen Führer oder die Zahl der Mitglieder will er keine Angaben machen. Man könne aber von Tausenden Mitgliedern und Zehntausenden Unterstützern unter den Krimtataren sprechen, behauptet Amsajew.

          Er unterhält eine Facebook-Seite und antwortet schnell und freundlich auf Anfragen von Journalisten. Der Computeringenieur und Familienvater empfängt in einem traditionellen Café in seinem Heimatort Bachtschissaraj zum türkischen Kaffee. „Die radikalsten unter den Radikalen auf der Krim sind wahrscheinlich wir“, sagt er. Sie kämpften erklärtermaßen für einen weltumspannenden Gottesstaat, in dem das islamische Recht der Scharia gelten soll. Allerdings, so sagt Amsajew, ausschließlich mit friedlichen Mitteln. „Wir wollen den islamischen Staat bauen, ohne eine einzigen Tropfen Blut zu vergießen.“ Im deutschen Verfassungsschutzbericht von 2012 ist über die Hizb ut Tahrir zu lesen, sie sehe Gewalt als ein legitimes Mittel zur Durchsetzung des Kalifats an.

          Im Visier der Behörden

          Auf der Krim sind noch keine islamistischen Gewaltakte bekanntgeworden. Vor einigen Jahren schnitt ein offenbar psychisch kranker Mann einem fünf Jahre alten Jungen die Kehle durch, was einige Medien der Hizb ut Tahrir zuschrieben. Den Mord an einer jungen Frau durch muslimische Männer bezeichneten örtliche Medien als „Ehrenmord“, allerdings wurde der Zusammenhang nie ganz aufgeklärt.

          Experten wie der Politologe Wladimir Dscheralla gehen davon aus, dass von der Krim aus Kämpfer in den syrischen Bürgerkrieg gegen Baschar al Assad geschickt werden. Er nimmt an, dass die Islamisten auf der Halbinsel so sehr mit den Konflikten in Syrien und Ägypten beschäftigt sind, dass sie sich um heimische Probleme gar nicht kümmern.

          Die Hizb ut Tahrir ist im Visier der Behörden auf der Krim. Das zeigt die jüngste Kampfansage des neuen Machthabers Sergej Aksjonow, der mit Hilfe eines Referendums den Anschluss der Krim an Russland erzwingen will. „Herr Aksjonow hat auf seiner ersten Pressekonferenz angekündigt, gegen uns vorgehen zu wollen“, sagt der Hizb-ut-Tahrir-Sprecher Amsajew. „Wenn wir unterdrückt werden, wird unser Einfluss allerdings nur wachsen.“ Der von Aksjonow neuernannte Chef der Sicherheitsdienste der Krim, Petr Sima, hatte im russischen Fernsehen gesagt, dass die Hizb ut Tahrir eine terroristische Organisation sei, gegen die seine Dienste kämpfen würden. Regierungschef Aksjonow hatte angekündigt, gegen Kräfte, die mit der neuen Macht nicht zusammenarbeiten wollen, mit Gewalt vorgehen zu wollen.

          „Wir werden keinen aus unserem Volk ausliefern“

          Zur Überraschung der Islamisten hatte der offizielle Mufti der Krim, Emirali Ablajew, der die Hizb ut Tahrir und andere Organisationen bisher als gefährliche Sekten bezeichnete, daraufhin Partei für die Islamistengruppe ergriffen. „Wir werden nicht einen Menschen aus unserem Volk ausliefern, nicht an die Staatsanwaltschaft, nicht an die Sicherheitsdienste“, sagte Ablajew tatarischen Journalisten. Seine Behörde werde es nicht erlauben, dass auch nur ein einziges Kind seines Volkes beleidigt werde, sagte der Mufti.

          Eine ähnliche tatarische Verbrüderung im Angesicht des gemeinsamen Feindes war schon zu beobachten, als das Parlament der Krim vor einigen Jahren erfolglos versucht hatte, die Hizb ut Tahrir zu verbieten. Damals hatte der politische Führer der Krimtataren, Refat Tschubarow, Vorsitzender der Organisation „Medschlis des Krimtatarischen Volkes“ dem Parlament vorgeworfen, mit dem Verbotsverfahren nur auf Publicity abzuzielen. Auch Tschubarow, der Mufti Ablajew nahesteht, hatte zuvor die Hizb ut Tahrir stets heftig kritisiert. Die Organisation werde von Kräften aus Russland unterstützt und finanziert, hatte er mehrfach gesagt.

          Permanenter Machtkampf

          Elmira Muratowa, Dozentin an der Universität von Simferopol, die sich seit Jahren mit dem Islam der Krimtataren beschäftigt, berichtet von einem permanenten Machtkampf. Medschlis und Mufti, die nach ihrer Einschätzung noch etwa 60 Prozent der rund 300.000 Krimtataren vertreten, müssten um diesen Einfluss ringen. In den vergangenen Jahren haben sich, auch wegen der vergleichsweise liberalen Registrierungspraxis unter der Regierung von Viktor Janukowitsch, weit mehr als 300 muslimische Organisationen auf der Krim gegründet. Seit 2010 gibt es auf der Halbinsel einen zweiten Mufti, der dem Mufti in der Hauptstadt Kiew nahesteht und für Ablajew eine scharfe Konkurrenz bedeutet.

          Die meisten der offiziellen Imame auf der Krim haben nach Angaben der Politikwissenschaftlerin Muratowa ihre Ausbildung in der Türkei absolviert, allerdings seien mehr und mehr inoffizielle Imame aktiv, die in arabischen Ländern ausgebildet worden seien. Sie sagt es nicht offen, aber man kann ihren Ausführungen entnehmen, dass die inoffiziellen Prediger radikalere Lehren vertreten.

          Die Hizb ut Tahrir auf der Krim weist Vorwürfe, nach denen sie aus dem Ausland finanziert wird, energisch zurück. „Wir bekommen unser Geld nur von unseren Mitgliedern“, behauptet ihr Sprecher Amsajew. Überhaupt brauche die Organisation relativ wenig Geld. Lediglich die Konferenzen und größeren Veranstaltungen, zu denen sie gelegentlich einlade, kosteten etwas mehr. Im vergangenen Jahr hatte eine internationale Konferenz der Hizb ut Tahrir in Simferopol viel Aufmerksamkeit erregt. Medien sprachen von einem Aufmarsch der Islamisten, unter denen auch russische Gäste gewesen sein sollen. Rund 1500 Teilnehmer versammelten sich in der Hauptstadt der Krim zu einer nicht genehmigten Demonstration.

          „Das ist nicht unser Konflikt“

          Aus dem gegenwärtigen Konflikt und dem Referendum wollen sich die Islamisten der Hizb ut Tahrir nach Angaben ihres Sprechers vollständig heraushalten. Ohnehin nähmen sie an politischen Wahlen nicht teil, sagt Amsajew. „Das ist nicht unser Konflikt. Wir bleiben ruhig und wollen nicht, dass man uns instrumentalisiert, um russische Eingriffe hier zu rechtfertigen.“ Die Politologin Elmira Muratowa fürchtet allerdings - wie andere Experten auch -, dass die Kampfansage der neuen Machthaber zur Radikalisierung einzelner Gruppen führen könnte. Ähnliche Sorgen hat offenbar Mufti Ablajew, der dieser Zeitung sagte, man werde ein „tschetschenisches Szenario“ nicht zulassen. In der russischen Teilrepublik Tschetschenien kämpfen radikale Islamistengruppen seit den beiden Tschetschenien-Kriegen ununterbrochen gegen russische Sicherheitskräfte; sie verüben Terroranschläge auch in anderen Teilen Russlands.

          Salafisten stützten Janukowitsch

          Eine salafistische Gruppe auf der Krim hat indes ganz andere Ziele als die anderen Krimtataren. Die 2011 gegründete Organisation „Sebat“, die sich vor allem mit Fragen der Landrückgabe beschäftigt und dabei die Technik der Landbesetzung perfektioniert hat, unterstützt rückhaltlos den abgesetzten ukrainischen Präsidenten Viktor Janukowitsch.

          Nach Ansicht der Gruppe, die 50.000 Anhänger für sich reklamiert, hat Janukowitsch in Landfragen mehr für die Krimtataren getan als alle Regierungen zuvor. Noch während der Pressekonferenz des flüchtigen Machthabers in Russland verbreitete die Gruppe Verlautbarungen, nach denen Janukowitsch der legitime Präsident sei.

          Auf der Internetseite von „Sebat“ findet sich ein Videomitschnitt aus dieser Pressekonferenz, in dem Janukowitsch hervorhebt, gemeinsam mit allen Völkern der Ukraine für seine Rückkehr kämpfen zu wollen. Der politische Sprecher von „Sebat“, Sejdamet Gemedschi, rügt die Medschlis-Organisation dafür, die Krimtataren zum Kampf für den „Euromajdan“ und die neue Regierung in Kiew aufgerufen zu haben - und fordert seinerseits Frieden und Ruhe. Für ein Gespräch war er nicht zu erreichen, und so bleibt die Frage unbeantwortet, ob er von russischer Herrschaft nicht ebensolche Repressionen und gewaltsamen Auseinandersetzungen erwarte, wie sie im Nordkaukasus herrschen.

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