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Konflikt um die Krim : Die Furcht vor den Islamisten

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Permanenter Machtkampf

Elmira Muratowa, Dozentin an der Universität von Simferopol, die sich seit Jahren mit dem Islam der Krimtataren beschäftigt, berichtet von einem permanenten Machtkampf. Medschlis und Mufti, die nach ihrer Einschätzung noch etwa 60 Prozent der rund 300.000 Krimtataren vertreten, müssten um diesen Einfluss ringen. In den vergangenen Jahren haben sich, auch wegen der vergleichsweise liberalen Registrierungspraxis unter der Regierung von Viktor Janukowitsch, weit mehr als 300 muslimische Organisationen auf der Krim gegründet. Seit 2010 gibt es auf der Halbinsel einen zweiten Mufti, der dem Mufti in der Hauptstadt Kiew nahesteht und für Ablajew eine scharfe Konkurrenz bedeutet.

Die meisten der offiziellen Imame auf der Krim haben nach Angaben der Politikwissenschaftlerin Muratowa ihre Ausbildung in der Türkei absolviert, allerdings seien mehr und mehr inoffizielle Imame aktiv, die in arabischen Ländern ausgebildet worden seien. Sie sagt es nicht offen, aber man kann ihren Ausführungen entnehmen, dass die inoffiziellen Prediger radikalere Lehren vertreten.

Die Hizb ut Tahrir auf der Krim weist Vorwürfe, nach denen sie aus dem Ausland finanziert wird, energisch zurück. „Wir bekommen unser Geld nur von unseren Mitgliedern“, behauptet ihr Sprecher Amsajew. Überhaupt brauche die Organisation relativ wenig Geld. Lediglich die Konferenzen und größeren Veranstaltungen, zu denen sie gelegentlich einlade, kosteten etwas mehr. Im vergangenen Jahr hatte eine internationale Konferenz der Hizb ut Tahrir in Simferopol viel Aufmerksamkeit erregt. Medien sprachen von einem Aufmarsch der Islamisten, unter denen auch russische Gäste gewesen sein sollen. Rund 1500 Teilnehmer versammelten sich in der Hauptstadt der Krim zu einer nicht genehmigten Demonstration.

„Das ist nicht unser Konflikt“

Aus dem gegenwärtigen Konflikt und dem Referendum wollen sich die Islamisten der Hizb ut Tahrir nach Angaben ihres Sprechers vollständig heraushalten. Ohnehin nähmen sie an politischen Wahlen nicht teil, sagt Amsajew. „Das ist nicht unser Konflikt. Wir bleiben ruhig und wollen nicht, dass man uns instrumentalisiert, um russische Eingriffe hier zu rechtfertigen.“ Die Politologin Elmira Muratowa fürchtet allerdings - wie andere Experten auch -, dass die Kampfansage der neuen Machthaber zur Radikalisierung einzelner Gruppen führen könnte. Ähnliche Sorgen hat offenbar Mufti Ablajew, der dieser Zeitung sagte, man werde ein „tschetschenisches Szenario“ nicht zulassen. In der russischen Teilrepublik Tschetschenien kämpfen radikale Islamistengruppen seit den beiden Tschetschenien-Kriegen ununterbrochen gegen russische Sicherheitskräfte; sie verüben Terroranschläge auch in anderen Teilen Russlands.

Salafisten stützten Janukowitsch

Eine salafistische Gruppe auf der Krim hat indes ganz andere Ziele als die anderen Krimtataren. Die 2011 gegründete Organisation „Sebat“, die sich vor allem mit Fragen der Landrückgabe beschäftigt und dabei die Technik der Landbesetzung perfektioniert hat, unterstützt rückhaltlos den abgesetzten ukrainischen Präsidenten Viktor Janukowitsch.

Nach Ansicht der Gruppe, die 50.000 Anhänger für sich reklamiert, hat Janukowitsch in Landfragen mehr für die Krimtataren getan als alle Regierungen zuvor. Noch während der Pressekonferenz des flüchtigen Machthabers in Russland verbreitete die Gruppe Verlautbarungen, nach denen Janukowitsch der legitime Präsident sei.

Auf der Internetseite von „Sebat“ findet sich ein Videomitschnitt aus dieser Pressekonferenz, in dem Janukowitsch hervorhebt, gemeinsam mit allen Völkern der Ukraine für seine Rückkehr kämpfen zu wollen. Der politische Sprecher von „Sebat“, Sejdamet Gemedschi, rügt die Medschlis-Organisation dafür, die Krimtataren zum Kampf für den „Euromajdan“ und die neue Regierung in Kiew aufgerufen zu haben - und fordert seinerseits Frieden und Ruhe. Für ein Gespräch war er nicht zu erreichen, und so bleibt die Frage unbeantwortet, ob er von russischer Herrschaft nicht ebensolche Repressionen und gewaltsamen Auseinandersetzungen erwarte, wie sie im Nordkaukasus herrschen.

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