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Kommentar : Mit Nordkorea reden?

Ein südkoreanischer Beamter verfolgt die Berichterstattung über die mutmaßlichen jüngsten Nuklearversuche Nordkoreas. Bild: AFP

Die Spekulationen über neue Nuklearversuche Pjöngjangs haben nicht nur die Nachbarländer in Alarmbereitschaft versetzt. Nach der jüngsten Provokation stellt sich abermals die Frage: Wie umgehen mit Kim Jong-un?

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          Wladimir Putin hat sich diese Woche zu Nordkorea geäußert. Wo seine Diplomaten sonst die immer gleichen Formeln verbreiten, hatte der russische Präsident etwas Wichtiges zu sagen, nämlich: „Provokationen, Druck sowie eine kriegerische und offensive Rhetorik führen nirgendwohin.“ Putin reagierte damit auf einen Tweet des amerikanischen Präsidenten; Donald Trump hatte die Parole ausgegeben: „Reden ist keine Lösung.“ Für den Kremlchef offenbar schon: Es müsse einen direkten Dialog aller Beteiligten geben, ließ Putin wissen, und zwar „ohne Vorbedingungen“. Wer hat nun recht, der Russe oder der Amerikaner? Keiner von beiden.

          Putins Satz muss man sich auf der Zunge zergehen lassen. Er richtet sich nicht bloß gegen das Twitter-Gefasel des Kollegen im Weißen Haus. Putin hält allen Ernstes eine Politik für falsch, die Druck auf Nordkorea ausübt. Warum stimmt sein Land dann eigentlich jedes Mal im Sicherheitsrat der Vereinten Nationen immer schärferen Sanktionen zu? Diese Strafmaßnahmen haben inzwischen ein Ausmaß und eine Tiefe erreicht, die es noch nie gegen ein anderes Land gegeben hat.

          Unter normalen Umständen würde der Führung in Pjöngjang damit die Luft zum Atmen genommen. Nicht nur darf das Land keine Produkte mehr einführen, die sich irgendwie für militärische Zwecke nutzen lassen. Es darf auch kaum noch etwas ausführen: Kohle, Erze, seltene Erden, Edelmetalle, Meeresfrüchte – nahezu alles, was Nordkorea an Boden- und Meeresschätzen besitzt, steht inzwischen auf Sanktionslisten. Nicht einmal die Arbeitskraft der eigenen Bürger darf Pjöngjang noch im Ausland zu Devisen machen.

          Russische Diplomaten haben all das mitgetragen, weil sie sich an die offizielle Linie ihres Landes halten: Auf der koreanischen Halbinsel darf keine Atommacht entstehen. Die inoffizielle Linie darf nur Putin vortragen – sie bestimmt aber die tatsächliche Politik des Landes. Russland hat bisher wenig getan, um die Strafmaßnahmen wirksam umzusetzen.

          Der Kreml ließ sogar zu, dass Nordkorea sich die gesamte russische Raketentechnologie der fünfziger und sechziger Jahre aneignen konnte. Offenbar ist es Moskau – wie Peking – lieber, einen Diktator zum Nachbarn zu haben als einen demokratisch gewählten Präsidenten. Deshalb: kein Druck, wenn es Ernst wird.

          Donald Trump hält es genau umgekehrt. Er hat jede nordkoreanische Provokation mit einer eigenen beantwortet – gipfelnd in der Feuer-und-Zorn-Rhetorik, die man auch von der Staatspropaganda der Kims kennt. Trump scheint sich in derselben Rolle zu gefallen: aufgeblasen, schrill, unberechenbar. Allerdings mit einem entscheidenden Nachteil: Er kann immer nur so tun, als würde er gleich mit Atomwaffen rumballern.

          In Wahrheit hat er keine militärische Option gegen Nordkorea, die seine Verbündeten Südkorea und Japan akzeptieren würden, akzeptieren könnten. Kim Jong-un hat das Anfang der Woche eindrucksvoll vorgeführt, als er eine ballistische Rakete über Japan hinweg feuerte.

          Kann man mit diesem Mann ins Gespräch kommen? Ohne Druck und Vorbedingungen sicherlich nicht. So war es im Übrigen auch mit Iran, der nun öfter als Vorbild genannt wird. Echte Verhandlungen wurden erst möglich, als das Land wirtschaftlich am Boden lag.

          Und der Fall war noch vergleichsweise einfach: Die iranische Führung hat, kühl kalkulierend, die Schwelle zur Atommacht niemals überschritten. Nordkorea ist nach all den Atom- und Raketentests viel weiter. Vor Gesprächen müsste es erst einmal beweisen, dass es zu berechenbarem Verhalten in der Lage ist.

          Thomas Gutschker

          Redakteur im Ressort Politik in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

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