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Konflikt in Nagornyj Karabach : „Wer diese Gebiete befreit, wird der Held der Nation“

Eine zerstörte Straße in Stepanakert, der „Hauptstadt“ von Nagornyj Karabach. Bild: AP

In den Kämpfen um Nagornyj Karabach hat Aserbaidschan Oberwasser. Präsident Ilham Alijew profitiert von der Kriegsstimmung der Bevölkerung. Und Wladimir Putin macht ihm ein Geschenk.

          3 Min.

          Am Mittwoch wurde Wladimir Putin 68 Jahre alt. Dazu wünschte Aserbaidschans Machthaber Ilham Alijew dem russischen Präsidenten „neue Erfolge“ und „starke Gesundheit“, sprach mit ihm zudem nach eigenen Angaben über den „armenisch-aserbaidschanischen Nagornyj-Karabach-Konflikt“. Darin sieht es so aus, als mache Putin Alijew Geschenke: Er hält sich zurück. Am Mittwoch tobten die jüngsten Kämpfe um das zu Aserbaidschan gehörende, von Armeniern kontrollierte Nagornyj Karabach und sieben umliegende, armenisch besetzte Gebiete schon elf Tage. Es war der schwerste Bruch des von Russland vermittelten Waffenstillstands von 1994.

          Friedrich Schmidt

          Politischer Korrespondent für Russland und die GUS in Moskau.

          Baku meldet Erfolge, zurückeroberte Höhenzüge, „befreite“ Gebiete und Orte. Nur teilweise dementieren die Gegner. Aserbaidschan hat mit Einnahmen aus dem Öl- und Gasverkauf aufgerüstet, gleicht die territorialen Nachteile des Anrennens gegen den „bergigen schwarzen Garten“ (Nagornyj Karabach) mit Drohnen aus. Armeniens Ministerpräsident bemüht sich in schrillen Tönen um Unterstützung gegen den Feind und die Türkei, die Baku offen unterstützt. Nikol Paschinjan behauptet etwa, die Türkei wolle den Genozid an den Armeniern von 1915 fortsetzen und gen Wien vorrücken. Besonders Russland will er alarmieren; es hat Tausende Soldaten in Armenien stationiert, ist dem Land im Verteidigungsbündnis „Organisation des Vertrags über kollektive Sicherheit“ verbunden.

          Putin spricht von einer „Tragödie“

          Aber Putin ruft nur zu Feuerpausen und Verhandlungen auf, im seltenen Paarlauf mit den Vereinigten Staaten und Frankreich, mit denen Russland die „Minsker Gruppe“ der Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa zum Konflikt leitet. Erst am Mittwoch sprach Putin öffentlich über die Eskalation: Sie sei eine „Tragödie“, Armenier wie Aserbaidschaner seien „uns nicht fremd“. Gegenüber Armenien, fuhr Putin fort, habe man „bestimmte Verpflichtungen“ im Verteidigungsbündnis. Aber die Kämpfe „finden nicht auf dem Gebiet Armeniens statt“. Putins „rote Linie“ ist ein Angriff auf armenisches Gebiet. So dürfte Paschinjan vergebens auf russische Hilfe warten.

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          Andrej Kortunow vom Russischen Rat für Internationale Angelegenheiten, einer offiziösen Denkfabrik, bezeichnete die Eskalation jetzt als „ernstes Versäumnis Russlands“: Man habe „die langfristige Vorbereitung Aserbaidschans auf einen neuen strategischen Angriff auf Karabach übersehen“ und „das Ausmaß der Verärgerung in Baku über den langjährigen, ergebnislosen Verhandlungsprozess im Rahmen der ‚Minsker Gruppe‘ unterschätzt“. Moskau könne eine Konfliktlösung nicht wie bisher „für künftige Generationen“ aufschieben. Vor allem, weil mit der Türkei ein „sehr aktiver“ Akteur im Südkaukasus aufgetreten sei. Das Blutvergießen ist laut Kortunow nur zu stoppen, wenn man Baku „überzeugende Garantien“ gebe, dass das Problem Nagornyj Karabach nicht wieder „für 30 oder 50 Jahre in den Hintergrund der Weltpolitik tritt“.

          Auch solche Garantien könnten zu wenig sein. Im Juli, nach dem jüngsten Aufflammen der Gewalt, wurde in Aserbaidschan für Krieg demonstriert. „Die Stimmung ist dem Krieg gegenüber positiv“, beschreibt der junge Aserbaidschaner Bachtijar Aslanow per Skype die Stimmung. „Anfangs waren die Leute skeptisch, dachten, es sei nur kurzfristig, ein politisches Spiel. Aber dann begriffen sie, dass es dieses Mal ganz anders ist.“

          Nur wenige wollen eine friedliche Lösung

          Der Konflikt mit Hunderttausenden Vertriebenen sei in Aserbaidschan immer präsent gewesen, erläutert Aslanow. So würden auf Grabsteinen von Vertriebenen Silhouetten der verlorenen Heimatorte abgebildet oder Gräber möglichst nahe daran angelegt. Jetzt weiche in Aserbaidschan „das Gefühl, auf der Verliererseite zu stehen“, einem Siegesgefühl. „Niemand will, dass der Krieg ohne bedeutsame Ergebnisse aufhört“, sagt Aslanow. Für Alijew bietet das eine Chance: „Wer immer diese Gebiete befreit, wird der Held der Nation.“

          Aslanow ist eine Ausnahme in seinem Land, er würde eine friedliche Lösung vorziehen, trauert um Opfer beider Seiten, zivile wie Soldaten, von denen auf Seiten der Karabach-Armenier angeblich 320 gefallen sind; Eriwan und Baku geben keine eigenen Verluste bekannt. Auch als sein Dorf zurückerobert wurde, waren Aslanows Gefühle ambivalent: Zur Trauer um die Toten kam Freude für die Eltern, die zurück in die Heimat wollten. Aslanow wurde 1987 in Füzuli südlich von Nagornyj Karabach geboren, als fünf Jahre alter Junge vertrieben, landete nach vielen Stationen mit der Familie in Baku. Als Erwachsener machte er Friedensarbeit, organisierte Treffen zwischen Armeniern und Aserbaidschanern, meist in Georgien, oft in Deutschland, zuletzt, in der Pandemie, online. Das ist nun vorbei. Aslanow blickt kritisch, auch selbstkritisch, auf 13 Jahre Arbeit zurück: Zu oft habe man über Umwelt, Gender oder Kultur gesprochen, über Positives, „nicht über die echten Erfahrungen“ von Gewalt und Verlust.

           Ein Soldat der armenischen Armee feuert in der vergangenen Woche eine Kanone in der Region Nagornyj Karabach ab.
          Ein Soldat der armenischen Armee feuert in der vergangenen Woche eine Kanone in der Region Nagornyj Karabach ab. : Bild: dpa

          Nach Armeniens Revolution 2018 sah Aslanow, wie seine armenischen Bekannten in Machtpositionen aufrückten. Sah, wie Paschinjans Regierung in Nagornyj Karabach „so provozierte wie keine vor ihr“, zum Beispiel mit Besuchen im besetzten Schuscha, „dem kulturellen und emotionalen Herzen von Karabach für die Aserbaidschaner“ und mit Paschinjans Aussage, Karabach sei „Armenien – Punkt“.

          Auch er selbst habe sich beleidigt gefühlt, sagt Aslanow. Paschinjan und seine Mannschaft hätten nach ihrer international anerkannten, demokratischen Wahl ihre Macht überschätzt, die öffentliche Meinung unterschätzt und den geopolitischen Kontext, die Rolle der Türkei, verkannt. „Die einfachen Menschen leiden aufgrund der Fehler dieser Leute.“ Jetzt, im Sog des Krieges, beschimpfen die einstigen Dialog-Partner einander auf Facebook. Aslanow hofft, dass nicht alle Verbindungen abreißen. „Aber ehrlich gesagt weiß ich nicht, wie es weitergeht.“

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