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Konflikt in Kolumbien : Wütende Jugend trifft auf repressive Polizei

Eine kolumbianische Studentin am Dienstag in Cali Bild: AFP

Die kolumbianische Polizei wurde Jahrzehnte lang für den Krieg ausgebildet. Ist das ein Grund für die aktuelle Eskalation?

          4 Min.

          Jefferson Lozano erhält seit einigen Tagen Drohungen. In der Stadt Cali im Südwesten Kolumbiens fährt der 23 Jahre alte Student die verschiedenen Orte ab, an denen junge Kolumbianer Straßenblockaden errichtet haben. Dort stellen sie sich der Polizei entgegen. Lozano versucht zu vermitteln, um weiteres Blutvergießen zu verhindern. „Seit dem Ausbruch der Proteste ist alles sehr anarchisch“, sagt Lozano am Telefon. Auch am Dienstag habe es wieder Proteste, Gegenaktionen der Polizei und weitere Festnahmen gegeben. Immer wieder seien Schüsse zu hören. Er selbst habe bei den Protesten zwei Bekannte verloren, sagt Lozano. Cali drohe ein „Mini-Bürgerkrieg“.

          Tjerk Brühwiller
          Korrespondent für Lateinamerika mit Sitz in São Paulo.

          Seit zwei Wochen prägen Proteste, Straßenblockaden und gewaltsamen Auseinandersetzungen zwischen Demonstranten und der Polizei das Bild Kolumbiens. Das Ausmaß der Gewalt ist erschreckend und hat in den vergangenen Tagen weltweite Reaktionen ausgelöst, von den Vereinten Nationen bis zum Papst. Mehr als zwei Dutzend Demonstranten sind während der Unruhen getötet worden. Menschenrechtsorganisationen sprechen gar von bis zu fünfzig Toten. Mehrere Personen wurden von Polizisten getötet, die Schusswaffen einsetzten, wie auf Videoaufnahmen zu sehen ist. Untersuchungen dazu laufen.

          Allein in der Nacht auf Dienstag war in Pereira ein Demonstrant nach tagelangem Todeskampf im Krankenhaus seinen schweren Verletzungen erlegen. Unbekannte hatten in der vergangenen Woche acht Kugeln auf ihn geschossen. Der 37 Jahre alte Yogalehrer wurde schnell zu einem Symbol der Proteste.

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          Die richteten sich zunächst gegen eine von Präsident Iván Duque vorgeschlagene Steuerreform, die inzwischen zurückgezogen wurde. Die seit langem ausgearbeitete Reform, um den Staatshaushalt zu stabilisieren, kam jedoch zum falschen Zeitpunkt. Kolumbien steckt in einer tiefen Wirtschaftskrise. Armut und Arbeitslosigkeit haben während der Pandemie stark zugenommen. Die Reform hätte den Mittelstand steuerlich stärker belastet. Zehntausende folgten trotz Pandemie dem Aufruf des Nationalen Streikkomitees, an Kundgebungen teilzunehmen. Schon in den ersten Tagen griffen die Sicherheitskräfte hart ein. Auch von Plünderungen wurde berichtet.

          Die Regierung hat die Armee in mehrere Städte entsandt, um die Polizei zu unterstützen. Eine dieser „militarisierten“ Städte ist Cali, wo es in den vergangenen Tagen zu besonders heftigen Ausschreitungen kam. Die Region leidet stark unter der Wirtschaftskrise. Ohnehin ist Cali ein Ort zahlreicher bewaffneter Konflikte zwischen verschiedenen kriminellen Organisationen.

          Menschenrechtler kritisieren „Militarisierung“

          In Cali zeigen sich die wachsenden Nöte der Bevölkerung und die Ungleichheit, die als Treiber der Krise und Proteste gilt, am stärksten. „Es sind die jungen Kolumbianer, die auf der Straße sind“, sagt Lozano. Sie forderten Zugang zu Bildung, Arbeit und dem öffentlichen Verkehr. „Hier in Cali sind zwei von drei Personen unter 30 Jahren arbeitslos. In der Pandemie hat sich eine enorme Frustration angehäuft.“ Das repressive Vorgehen gegen die Proteste habe die Wut auf die Regierung gelenkt. Viele der jungen Demonstranten hätten nicht einmal mehr Angst, von einer Kugel getroffen zu werden.

          Demonstranten im Konflikt mit der Polizei am Montag in Caali
          Demonstranten im Konflikt mit der Polizei am Montag in Caali : Bild: AFP

          Doch nicht nur die Polizei macht von Schusswaffen Gebrauch. Am Wochenende wurde eine Gruppe Indigener, die sich dem Protest in Cali anschloss, von Zivilisten beschossen. Mehrere wurden zum Teil schwer verletzt.

          Am Wochenende verstärkte die Regierung das Armeeaufgebot in Cali, „um die öffentliche Ordnung in der Stadt zu gewährleisten und der Bevölkerung Ruhe zu bieten“. Zudem erließ sie Ausgangsbeschränkungen. Mehr als 2000 Soldaten und etwa zehntausend Polizeikräfte sind im Einsatz. Die Regierung hat die direkte Befehlsgewalt über die Sicherheitskräfte, auch über die Polizei. Der Armeechef bestätigte vor einigen Tagen auf Twitter, er befolge die Anweisungen des Präsidenten. Die lokalen und regionalen Behörden äußerten Kritik.

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