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Konferenz in Grönland : Die Sorge um die Schätze der Arktis

Schmelzendes Welterbe: Im Eisfjord von Ilulissat an der Westküste Grönlands Bild: Florentine Fritzen

Viele Länder und auch die EU interessieren sich neuerdings für das schmelzende Eis. Das hat mit Verantwortung für das Klima zu tun - vor allem aber mit neu entdeckten Ressourcen. Wenn sich das Eis zurückzieht, will man Gewinn daraus ziehen.

          Aleqa Hammond klettert ganz nach oben zu den Masten. Von dort sind die Eisberge am besten zu sehen. Ein Deck tiefer mümmeln Politiker, Regierungsbeamte und Botschafter Räucherfisch-Brötchen oder knipsen mit klammen Fingern den Sonnenuntergang im Fjord. Joe Borg hat eine schwarze Mütze auf, die noch einmal genauso hoch ist wie sein Kopf. Er stammt aus Malta und ist EU-Kommissar für Fischerei.

          Florentine Fritzen

          Redakteurin in der Politik der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Aleqa Hammond braucht auf dem Motorsegler keine Mütze, und der Eisfjord von Ilulissat ist der 42 Jahre alten Politikerin vertraut. Sie ist die Außen- und Finanzministerin von Grönland. An diesem Tag ist aber noch wichtiger, dass Aleqa Hammond außerdem grönländische Ministerin für Nordische Zusammenarbeit ist. Vor der Kulisse des Unesco-Weltnaturerbes an der Westküste Grönlands behauptet sie: „Die EU sieht die Arktis als großes Laboratorium. Als Territorium.“ Joe Borg gibt gerade selbst ein Interview, deshalb hört er den Vorwurf nicht. Die Ministerin streicht sich eine Strähne des zum Bob geschnittenen schwarzen Haars hinters Ohr. Dann sagt sie: „Es gibt keine gemeinsame Sorge um die Arktis.“

          Klimawandel nicht nur schlecht

          Genau so heißt aber die Konferenz, deren rund hundert Teilnehmer Aleqa Hammond am Nachmittag in der Sporthalle von Ilulissat begrüßt hat: „Common Concern for the Arctic“. Denn die Arktis, so die These des Nordischen Ministerrates, der die zweitägige Veranstaltung zusammen mit der schwedischen Regierung organisiert, geht uns alle an - also auch und besonders die EU.

          In Ilulissat an der Westküste Grönlands wird die Wäsche im Freien getrocknet

          Das hat natürlich sehr viel mit der Weltverantwortung für das Klima zu tun. Das Eis schmilzt von oben und von unten, und es flieht aus der Arktis. Auch die Eisbrocken vor Ilulissat sind von einem Gletscher am Kopf des Fjords abgebrochen. Weil das Wasser immer wärmer wird, wandern Makrele und Hering nach Norden. Es gibt mehr Fische, einst vereiste Fischgründe sind jetzt für Schiffe zugänglich. Deshalb ist auch Joe Borg in die mit knapp 5.000 Einwohnern und gut 5.000 Schlittenhunden drittgrößte Stadt Grönlands gereist. Denn für neue Ressourcen müssen neue Fangquoten her.

          Besonders interessant aber finden es viele Staaten, dass unter dem geschmolzenen Eis Land frei wird. „Greening Greenland“ heißt eine Powerpointfolie auf der Konferenz. Die Menschen im Süden des innenpolitisch unabhängigen, außenpolitisch von Dänemark vertretenen Staats können neuerdings Kartoffeln anbauen und Schafe züchten. Vor allem aber gibt das Eis zum Teil ungeahnte Bodenschätze preis, Gold zum Beispiel. „Manche Leute denken, der Klimawandel sei einfach nur etwas Schlechtes“, sagt Ministerin Aleqa Hammond. „Wir Grönländer sagen: Wenn das Eis sich zurückzieht, müssen wir etwas tun. Wir wollen einen Gewinn daraus ziehen.“

          Die Arktis als Teil der Weltgemeinschaft

          Das wollen auch andere Länder. Dabei sind die meisten von ihnen gar nicht auf den Weltkarten zu sehen, die viele Referenten in Ilulissat an die Leinwand werfen. Diese Karten zeigen den Globus von oben. „Die Arktis betrifft die ganze Menschheit“, sagt Laurent Stefanini. „Die EU will an der Debatte beteiligt sein, auch wenn“ - hier erlaubt sich der Botschafter der französischen EU-Ratspräsidentschaft einen kleinen Scherz - „Frankreich natürlich kein arktisches Land ist.“ Joe Borg fragt: „Wie kann Europa am besten zu einer nachhaltigen Entwicklung beitragen?“ Der EU-Kommissar antwortet selbst: mit Forschung, „nachhaltigem Gebrauch von Ressourcen“ und damit, „die Arktis nicht isoliert zu betrachten“ - sondern als Teil der Weltgemeinschaft.

          Aleqa Hammond würde sagen: als einen Gemeinschaftsbesitz, über den noch zu verhandeln sein wird. Fast alle EU-Staaten haben Vertreter nach Ilulissat gesandt. Auch zwei Chinesen sind da. „Sogar Indien macht neuerdings Arktis-Politik“, seufzt die grönländische Ministerin. Auch Kristján Kristjánsson beschäftigt das neue Interesse an seinem Forschungsgebiet. „Wir haben mit acht Ländern angefangen“, berichtet der Präsident des Internationalen Komitees für Arktiswissenschaft. „Acht nordischen Ländern. Jetzt sind wir 18. Sogar Spanien tritt bald bei.“ Der Wissenschaftler der Universität Reykjavík führt das auf die Aufmerksamkeit zurück, die das internationale „Polarjahr 2007/08“ geschaffen habe, und auf „politische Gründe“. So deutlich wie Aleqa Hammond will er sich aber nicht äußern. „Na, weil der Nordpol bald eisfrei wird“, kommentiert sie das neue Interesse an der Arktis. „Weil vielleicht Öl gefunden wird in Grönland.“

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