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Papst-Enzyklika : Ein ökologisches Manifest

Viel Wahres, einiges Unterkomplexes: Papst Franziskus Lehrschreiben „Laudato si“ befasst sich mit dem Verhältnis zu Natur uind Schöpfung. Bild: dpa

Die neue päpstliche Enzyklika „Laudato si“ ist teils ein klares, kluges und abwägendes Lehrschreiben. Teils aber auch ein moralinsaures Gebräu. Ein Kommentar.

          3 Min.

          Franziskus. Der Name des ersten Papstes aus Lateinamerika und aus dem Jesuitenorden ist Programm – und mehr als das. Denn mit dem Namen des umbrischen Kaufmannssohnes, der im frühen 13. Jahrhundert allem weltlichen Reichtum entsagte und sich mit Gleichgesinnten einem Leben in der Nachfolge Christi und der Apostel verschrieb, verbinden sich gleich zwei Motive, die an utopischer Eindrücklichkeit kaum zu überbieten sind: das Lob Gottes in seiner Schöpfung und der Imperativ, die Kirche im Geist des Evangeliums zu erneuern.

          Daniel Deckers
          in der politischen Redaktion verantwortlich für „Die Gegenwart“.

          Das Erneuerungsmotiv stand schon Pate, als der argentinische Kardinal Jorge Mario Bergoglio im März 2013 zum Nachfolger von Papst Benedikt XVI. gewählt wurde. So übermächtig war im Kardinalskollegium der Unmut angesichts von Selbstherrlichkeit und Machtmissbrauch in der römischen Kurie, aber auch die Abscheu angesichts der Verfilzung von Staat, Kirche und Vatikan in Italien, dass ein Neuanfang nur durch einen Reformator vom Ende der Welt gewährleistet schien.

          Nach gut zwei Jahren ist dessen Reformbilanz gemischt: Beispiellos ist die Zielstrebigkeit, mit der Papst Franziskus mittels Ernennungen von Bischöfen von der „Peripherie“ der Kirche das Kardinalskollegium umgestaltet. Aus einem Club von Eminenzen soll ein Organ werden, dessen Mitglieder die Freude und Hoffnung, Ängste und Nöte der Menschen von heute verkörpern. Kaum vorangekommen sind der Papst und seine neun Kardinäle, die er zu einem ebenfalls beispiellosen Beratungsgremium versammelt hat, mit der Reform der Kurie. Von jenen Prozessen, die wichtiger seien, als Räume der Macht zu beherrschen (wie der Papst sich ausdrückt), ist nichts zu sehen. Der Widerstand ist groß, der Franziskus aus den dicht gestaffelten Reihen derer entgegenschlägt, die ihn für einen dahergelaufenen Tölpel halten, der sich in den sakral-sakrosankten Ordnungen der ewigen Stadt wie ein Elefant im Porzellanladen bewegt.

          So klar hat noch kein Papst gesprochen

          Dunkle Wolken schweben auch über der Bischofssynode, die im Herbst darüber befinden soll, wie sich die Kirche zu den Abgründen stellt, die sich überall auf der Welt zwischen ihrer Lehre und dem Leben der Katholiken auf dem Feld von Ehe und Familie aufgetan haben. Bei der ersten Synode im vergangenen Jahr waren theologische Grundfragen wie die nach der Anerkennung des Prinzips der Gradualität Mehrheitsentscheidungen überantwortet worden. Im Oktober wird wohl wieder eine Sperrminorität von einem Drittel plus einer Stimme genügen, um Franziskus mit seinem „Barmherzigkeits“-Programm dastehen zu lassen wie einen Kaiser ohne Kleider.

          Das zweite Franziskus-Motiv, das Lob Gottes in seiner Schöpfung, steht als Fixstern über dem Lehrschreiben „Laudato si“, das an diesem Donnerstag veröffentlicht wurde. Auch dieses ist beispiellos, allem voran in der guten Absicht, allen Menschen guten Willens Wege zu weisen, wie die natürlichen und die gesellschaftlichen Grundlagen der Menschheit vor unwiderruflicher Zerstörung bewahrt werden können: Die von Menschen gemachte Klimaveränderung und die Übernutzung der natürlichen Ressourcen sind lebens- und damit gottesfeindlich. So klar hat noch kein Papst gesprochen. Beispiellos auch die kluge Abwägung von Nutzen und Risiken der Gentechnik, erhellend und ganz und gar unbestreitbar auch die Bestimmung der Umwelt als „Kollektivgut“ und die Erinnerung an die Gemeinwohlpflichtigkeit des Privateigentums.

          Zuschreibungen in schrillem Ton

          Freilich sind die Be- und Zuschreibungen der Krisenphänomene über weite Strecken in einem ebenso schlichten wie schrillen Ton gehalten, prophetischer Weckruf entpuppt sich als abgestandene Polemik. Immer wieder verbinden sich die klassisch-katholischen Vorbehalte gegen eine ordoliberale Wirtschafts- und Gesellschaftsordnung mit den üblichen Verurteilungen aller möglichen Ismen von Anthropozentrismus über Konsumismus bis Hedonismus zu einem moralinsauren Gebräu. Versatzstücke von Verelendungs- und Weltverschwörungstheorien machen dieses ökologische Manifest mitunter ungenießbar.

          Es ist kein Trost, dass auch Franziskus dem klassischen Dilemma der sogenannten katholischen Soziallehre nicht entgeht: Moralische Intuitionen und Sozialprinzipien wie Personalität, Solidarität und Subsidiarität gingen regelmäßig mit tendenziösen Beschreibungen und unterkomplexen Analysen der Wirklichkeit einher. Das Ergebnis: Bestenfalls ein geschwätziges Einerseits-Anderseits, meist ein Steinbruch für Argumentsfragmente jeder Art. „Laudato si“ ist keine Ausnahme.

          Bedenklicher noch: Wenn Franziskus behauptet, heute würden immer mehr Menschen ausgeschlossen und ihrer grundlegenden Menschenrechte beraubt, dann zeichnet er ein Zerrbild der Realität. Durch die Anstrengungen der Weltgemeinschaft sind seit den neunziger Jahren viel mehr Entwicklungsziele verwirklicht worden oder ihrer Verwirklichung näher gekommen, als viele Skeptiker es vorhergesagt hatten. Wird überdies Politik wie schon in dem ersten Schreiben „Evangelii Gaudium“ als ein willenloses Instrument im Dienst einer gewinnmaximierungsfixierten Wirtschaft und eines unkontrollierbaren Finanzwesens karikiert, dann wird auf beispiellose Weise Autorität verwirkt, so viel Schönes, Gutes und Wahres Papst Franziskus auch sonst zu sagen hat.

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