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Kommentar zum Machtkampf : Venezuelas Reichtum

Die Venezolaner stehen wieder auf, um den Wandel herbeizuführen, der ihnen seit Jahren verweigert wird. Bild: Reuters

Wer den Aufstand gegen das Regime Maduro auf ein geopolitisches Kräftemessen reduziert, der tut den Venezolanern unrecht – es geht um viel mehr als nur Erdöl.

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          Natürlich geht es ums Erdöl in Venezuela. Das Land besitzt die größten nachgewiesenen Reserven der Welt. China, Russland, die Vereinigten Staaten und die gesamte Erdölindustrie schauen gierig nach Venezuela. Da liegt es auf der Hand, den seit Mittwoch tobenden Machtkampf zwischen dem Regime von Nicolás Maduro und der Opposition um den jungen selbstdeklarierten Übergangspräsidenten Juan Guaidó als weiteres Schlachtfeld eines neuen Kalten Krieges oder kapitalistischer Interessen zu sehen. Und ebenso einfach ist es, Washington zu beschuldigen, einen Regimewechsel herbeiführen zu wollen, um sich die venezolanischen Reichtümer unter den Nagel zu reißen.

          Doch so einfach ist es nicht. Die Venezolaner hatten sich schon 2015 für einen Wechsel entschieden, als sie in den wohl letzten freien Wahlen eine Nationalversammlung wählten, in der die Opposition das Sagen hatte. Maduro ließ sie außer Kraft setzen. Später verweigerte er dem Volk ein Referendum über seinen Verbleib im Amt – ein demokratisches Mittel, das sein Vorgänger Hugo Chávez in die Verfassung hatte schreiben lassen. Während Maduro in den vergangenen Jahren stets von einem „Wirtschaftskrieg“ der Bourgeoisie und der Imperialisten sprach, bedienten sich sein Regime und dessen Generäle schamlos an den Reichtümern – und ließen die Ölindustrie verrotten. Die mit Privilegien überhäuften Generäle sind heute Maduros letzter Machtgarant. Venezuela ist längst eine Militärdiktatur. Daran änderte auch die Präsidentenwahl im vergangenen Mai nichts, denn sie fand ohne die Opposition statt. Die Opposition und große Teile der Weltgemeinschaft haben die Wahl damals nicht anerkannt. Weshalb sollten sie Maduro als Präsidenten anerkennen?

          Die Venezolaner können nicht mehr. In den letzten drei Jahren hat bereits jeder Zehnte das Land verlassen. Heute suchen Arbeiter im Müll nach Essbarem, Kranke nach Medikamenten, Mütter nach ihren Söhnen, die in den Kerkern der Polizei verprügelt werden, weil sie frei sein wollen. Von der einst hochgejubelten „Revolution“ des Kommandanten Chávez ist nichts mehr übrig außer Elend und Repression. Nun sind wieder zwei Dutzend Demonstranten getötet worden, vor zwei Jahren waren es über hundert. Trotzdem stehen die Venezolaner wieder auf, um den Wandel herbeizuführen, der ihnen seit Jahren verweigert wird. In Juan Guaidó haben sie einen neuen Hoffnungsträger gefunden. Es zeugt von der Verachtung Maduros für sein eigenes Volk, dass er ihn als „Lakaien“ Washingtons bezeichnet.

          Ja, es geht ums Erdöl in Venezuela. Auch. Doch für die Venezolaner geht es um sehr viel mehr als das. Wer den Aufstand gegen das Regime Maduro auf ein geopolitisches Kräftemessen reduziert, der tut den Venezolanern unrecht. Und der sollte unbedingt einmal hinreisen und beispielsweise ein Krankenhaus besuchen. Denn dort ist wie im Rest des Landes nichts mehr zu sehen von den großen Reichtümern, um die sich alle streiten. Die Reichtümer Venezuelas befinden sich auf den versteckten Konten und in den Luxuswohnungen der venezolanischen Machthaber im Ausland.

          Tjerk Brühwiller

          Freier Berichterstatter für Lateinamerika mit Sitz in São Paulo.

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