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Missbrauch in der Kirche : Freispruch in Australien

Kardinal George Pell im Februar 2019 in Melbourne Bild: AFP

Im Fall Pell hat der Oberste Gerichtshof den Schlusspunkt gesetzt. Doch die Vergangenheit der Kirche in Australien wirft einen langen Schatten. Und nicht nur dort.

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          Dass die Anklage gegen den australischen Kardinal George Pell wegen sexueller Gewalt gegenüber zwei Minderjährigen im Jahr 1996 auf wackeligen Füßen stand, war auch dessen Gegnern nie verborgen geblieben. Tatort und –zeitpunkt, wie er von dem noch lebenden Betroffenen geschildert wurde, nährten immer wieder Zweifel an den Vorwürfen gegen den Geistlichen.

          Nur für diese mutmaßlichen Straftaten durfte der Kardinal vor Gericht gestellt werden, und nicht für zweifelsfrei begangene Versäumnisse im Umgang mit Kinderschändern in den Reihen des Klerus oder seine nicht nur in Australien anstößigen biopolitischen Überzeugungen. In der Verurteilung zu einer Freiheitsstrafe im Dezember 2018 und in der Bestätigung des erstinstanzlichen Urteils im August 2019 kam jedoch all dies zusammen.

          Nun hat der Oberste Gerichtshof des Landes den mittlerweile 78 Jahre alten Kardinal nach dem Grundsatz in dubio pro reo davon bewahrt, zu einem Justizopfer zu werden. Im Fall Pell dürfte damit der Schlusspunkt gesetzt sein – doch nur in diesem. Der katholischen Kirche in Australien steht eine eingehende Auseinandersetzung mit ihrer Missbrauchsgeschichte, wie die unter anderem eine Royal Commission dokumentiert hat, noch bevor. Dem Synodalen Weg in Deutschland entfernt vergleichbar, sollte im Oktober 2020 ein „Plenarkonzil“ beginnen. Dieser Termin muss aufgrund der Corona-Pandemie verschoben werden. Ein Zurück gibt es nicht mehr, jedenfalls weder in Australien noch in Deutschland.

          Anders im Vatikan. Der seit mehr als einem Jahr überfällige Bericht über die sexuellen Umtriebe und Untaten des amerikanischen Kardinals Theodore E. McCarrick lässt weiterhin auf sich warten. Dass ist insofern kein Wunder, als dessen ungestörtes, von erheblichen Geldströmen begleitetes Treiben einen langen Schatten auf das Pontifikat von Benedikt XVI. wie von Papst Franziskus selbst wirft. Sich aus diesem zu befreien hat keiner der beiden Männer in Weiß die Kraft.

          Daniel Deckers
          in der politischen Redaktion verantwortlich für „Die Gegenwart“.

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