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Ende des Korea-Gipfels : Der koreanische Marathon

  • -Aktualisiert am

Bild: EPA

Das dritte Gipfeltreffen zwischen Nord-und Südkorea zeigt: Atmosphärisch hat sich schon viel getan. Nun müssen konkrete Abmachungen mit Amerika folgen. Doch Trumps unkalkulierbarer Regierungsstil könnte zum Problem werden. Ein Kommentar.

          Man soll das Eisen schmieden, solange es heiß ist. Von der Handwerkskunst der Beteiligten hängt dann ab, welches Werkstück am Ende herauskommt. Nord- und vor allem Südkorea tun alles, um die seit Jahresbeginn in Schwung gekommene Entspannung auf der Halbinsel nicht erlahmen zu lassen. Die optimistischsten Äußerungen kommen regelmäßig aus Südkorea. Präsident Moon Jae-in will Frieden für ganz Korea, ohne dabei die Fehler seines politischen Ziehvaters Roh Moo-hyun zu machen, der dies vor mehr als zehn Jahren schon einmal versucht hatte.

          Moon hat ein weiteres Mal den nordkoreanischen Staatsführer Kim Jong-un getroffen. Das dritte Gipfeltreffen in diesem Jahr fiel besonders lang aus und war voller symbolischer Termine. Zum Abschluss besuchten die beiden Staatsoberhäupter den Berg Paektu, der in der Legende um die nordkoreanische Herrscherdynastie eine besondere Rolle spielt. Die Botschaften, die Südkorea nach Ende des Treffens verbreitete, lesen sich zum Teil, als seien die Überbringer vom „heiligen“ Ort inspiriert worden. Einiges klingt zu schön, um wahr zu sein. Nordkorea sei daran interessiert, die Atomwaffen möglichst schnell loszuwerden, heißt es. Deshalb wolle Kim Jong-un möglichst bald ein zweites Treffen mit dem amerikanischen Präsidenten Donald Trump. Den zweiten Teil der Mitteilung darf man getrost glauben.

          Lange und komplizierte Verhandlungen stehen bevor

          Wenn ein amerikanisch-nordkoreanischer Gipfel unter diesen Voraussetzungen zustande käme, wäre es nämlich an Trump, einen Preis für die atomare Abrüstung in Nordkorea zu benennen. Eine solche Chance bekommt Kim Jong-un so schnell nicht wieder. Deshalb ist es nur folgerichtig, dass er jetzt aufs Tempo drückt. All das, was er seinem Gast aus Südkorea an Gesten in Aussicht gestellt hat, lässt ihn in den Augen der Weltöffentlichkeit gut dastehen. Kim kann sich das alles erlauben, weil der Abbau einiger Anlagen das nicht tangiert, was er als seine nukleare Lebensversicherung ansieht. Sicherheitspolitisch hat sich also wenig geändert in Korea. Allerdings ist die Atmosphäre natürlich eine ganz andere als noch vor wenigen Monaten.

          Jetzt werden von vielen Seiten konkrete Fortschritte gefordert. Allerdings können alle unmittelbar Beteiligten mit dem Status quo – Moratorium für Atom- und Raketentests, Verhandlungsbereitschaft auf allen Seiten – eigentlich sehr gut leben. Es wird zwar wahrscheinlich in unregelmäßigen Abständen zu öffentlichen Aufregungen kommen, ansonsten herrscht vor allem ein gutes Gefühl. Das ist einerseits wichtig, weil es plötzliche Eskalationen unwahrscheinlicher macht. Andererseits ist aber auch der Erfolgsdruck einer scheinbar akuten Krise nicht mehr vorhanden.

          Die Zahlen und Zeiträume, die jetzt für die Vollendung der atomaren Abrüstung genannt werden, klingen deshalb gut, sind aber voraussichtlich wenig realistisch. Die Verhandlungen werden lang und kompliziert werden. Und da diese nicht nur zwischen Amerikanern und Nordkoreanern geführt werden, sondern auch China, Japan, Südkorea und Russland mitreden wollen und werden, spielen viele andere Fragen und Konflikte eine Rolle. Diese Konstellation kann Nordkorea zugutekommen. Pjöngjang muss lediglich hinreichend guten Willen bekunden, um nicht wieder in eine Situation völliger internationaler Isolierung zu geraten wie im vergangenen Jahr nach dem bislang letzten Atomtest. Über einige Monate funktionierte das von den Vereinten Nationen initiierte Sanktionsregime offenbar sehr effektiv. Das hat die Gesprächsbereitschaft Nordkoreas befördert.

          Auf diesem Weg hat Kim Jong-un atmosphärisch schon eine Menge erreicht. Seinem Ziel, die wirtschaftliche Entwicklung seines Landes voranzutreiben, wird er aber nur dann näherkommen, wenn es zu konkreten Abmachungen mit Amerika und anderen Ländern kommt. Abgesehen von vielen anderen Unwägbarkeiten gibt es hier ein Problem, für das Nordkorea nichts kann: die Art des Regierens in Washington. Einerseits eröffnet Donald Trumps Methode ungeahnte Chancen. Das hat sich nicht zuletzt beim Treffen mit Kim im Juni in Singapur gezeigt. Andererseits ist Kim Jong-un geradezu panisch darauf bedacht, die „Stabilität“ im eigenen Land nicht zu gefährden. Im Umgang mit einem derart sprunghaft agierenden Mann im Weißen Haus ist die internationale Variante von „Stabilität“ aber nur schwer zu erhalten, weil man eben nicht wissen kann, was diesem noch einfällt, was sein Regierungsapparat davon möglicherweise abfedert, was Trump selbst wieder zurücknimmt.

          Deshalb sollte man dem südkoreanischen Präsidenten Glück bei seinen Mittlerdiensten zwischen Washington und Pjöngjang wünschen. Noch ist nicht abschließend geklärt, ob es Moon Jae-in gelungen ist, wirklich einen „Draht“ zu Kim Jong-un zu entwickeln. Einige Scharfmacher da und dort mögen Moons Herangehensweise an die Probleme Koreas für gefährlich halten. Aber in der Vergangenheit ist so ziemlich jede andere vertretbare Variante des Umgangs mit Nordkorea ausprobiert worden. Geholfen hat freilich keine.

          Peter Sturm

          Redakteur in der Politik, zuständig für „Politische Bücher“.

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