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Terroranschlag in Paris : Eine Zäsur

Vereint: Frankreichs Staatspräsident Hollande (Mitte), Innenminister Cazeneuve (zweiter von links) und die Pariser Bürgermeisterin Hidalgo während einer Schweigeminute in Paris Bild: Reuters

Der Terroranschlag auf „Charlie Hebdo“ hat Frankreich aus der Lethargie gerissen. Im unerklärten Krieg gegen die Feinde von innen spielt Präsident Hollande eine entscheidende Rolle.

          Der Terroranschlag auf die Redaktion von „Charlie Hebdo“ markiert eine Zäsur. Auf die vorangegangenen Attentate, welche die Namen der Franzosen Mohamed Merah und Mehdi Nemmouche trugen, reagierte die französische Demokratie wie eine alte, erschöpfte Dame. Es schien ihr an Kraft zu fehlen, sich gegen den Feind von innen aufzulehnen, sich beherzt und geschlossen der Herausforderung zu stellen. Die schamlosen Übergriffe auf jüdische Mitbürger, die Gewaltausbrüche am Rande propalästinensischer Demonstrationen und die antisemitische Hetze des „Künstlers“ Dieudonné, gegen all das begehrte eine Mehrheit der Franzosen nicht auf. Sie nahm hin, dass sich Hunderte junge Franzosen zum „Dschihad“ hingezogen fühlten und nach Syrien oder in den Irak pilgerten. Die Republik richtete sich in einem unbehaglichen Defätismus ein.

          Nur wenige besannen sich auf die Zauberformel ihrer Vorväter, auf das in der Reihenfolge unmissverständliche Gebot von „Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit“, das hierzulande jedes Schulgebäude ziert. Stattdessen vertrauten zuletzt bei der Europawahl viele ihre Stimme der Partei Marine Le Pens an und stärkten damit jene, die seitenfüllend „den französischen Suizid“, einen „großen Austausch“ oder gar die „Unterwerfung“ unter islamische Herrschaft prophezeien. Das Land, zerrieben durch die chronische Identitätskrise und geschwächt von der andauernden Wirtschaftskrise, wirkte wie im Kummer über das eigene Schicksal erstarrt.

          Doch das Blutbad im 11. Arrondissement, mitten in ihrer Hauptstadt, hat die Franzosen aus der Lethargie gerissen. Zu Zehntausenden zog es sie in allen Landesteilen auf die Straße, um gegen den Terror und für die Meinungs- und Pressefreiheit einzutreten. Mehr als hunderttausend Personen demonstrierten im ganzen Land trotz der Terrorwarnungen noch am Abend nach der Greueltat. Weitere in den nächsten Tagen geplante Solidaritätskundgebungen dürften noch mehr Bürger mobilisieren.

          Die alte Demokratie Frankreich erwacht zu neuer Vitalität. Noch ist nicht ausgemacht, dass dies der geprüften Republik dauerhaft Kraft und Stärke verleiht. Aber die ersten zaghaften Anzeichen einer Umkehr sollten nicht übersehen werden. Die etablierten Parteien, die ihre Energien in den vergangenen Jahren in endlosen Grabenkämpfen aufbrauchten, finden in der Stunde der Prüfung zu Geschlossenheit. Präsident François Hollande hat seinen Erzrivalen und Amtsvorgänger Nicolas Sarkozy empfangen. Jean-Luc Mélenchon von der Linkspartei entdeckte den Wert der Freiheit wieder.

          Angriff auf die Freiheit

          Schon Heinrich Heine bemerkte: „Der Franzose liebt die Freiheit wie seine erwählte Braut. Er schlägt sich für sie auf Tod und Leben.“ Die Franzosen haben nicht lange gebraucht, um die Ermordung der Journalisten und Zeichner der satirischen Wochenzeitschrift „Charlie Hebdo“ und der beiden Polizisten als Angriff auf ihre Freiheit zu verstehen. Unter den Demonstranten, die spontan ihre Solidarität mit den Ermordeten bekundeten, waren die wenigsten Leser von „Charlie Hebdo“. Aber sie haben gespürt, dass der Angriff auf diese kleine, von libertärem Geist und Witz geprägte Redaktion ihre über Revolutionen und Kriege errungene Lebensform bedroht.

          Mit beachtlicher Geschwindigkeit sind jene aus der öffentlichen Debatte verschwunden, die für die schlimmsten Gewalttaten eine soziale Erklärung bereithielten. Nein, die Gesellschaft sei nicht schuld daran, dass junge Franzosen mit Einwanderungshintergrund ihre islamistischen Gewaltphantasien auslebten, mahnte jetzt der frühere Redaktionsleiter von „Charlie Hebdo“ Philippe Val. Er forderte insbesondere von der Linken eine neue Aufrichtigkeit in der mit so viel Vorsicht belegten Debatte über den Islam und die Einwanderungsgesellschaft.

          Den Imamen und anderen Repräsentanten des Islams in Frankreich verlangten die Moderatoren der Fernsehdebatten plötzlich ab, was sie noch nach den Attentaten von Toulouse und im Jüdischen Museum in Brüssel nicht gewagt hatten: Sie sollten nicht nur die Verbrechen verurteilen, sondern endlich Basisarbeit leisten, sagte etwa der Fernsehmoderator David Pujadas von France 2. Die Journalistin Caroline Fourest forderte neue Strukturen und Repräsentanten für den französischen Islam. Das sind neue Töne.

          Im unerklärten Krieg gegen die Feinde von innen hat Präsident Hollande eine Rolle gefunden, die ihm mehr behagt als die des Reformers wider Willen. Trotz seiner persönlichen Betroffenheit – unter den Toten sind mehrere Freunde – ist es dem Sozialisten bislang gelungen, das große Ganze nicht aus den Augen zu verlieren. Er weiß, wie brüchig der Zusammenhalt in der französischen Einwanderungsgesellschaft geworden ist und welches Kapital der Front National daraus schlägt. Die Anschläge auf Moscheen zeugen von der vergifteten Atmosphäre. Der Verdruss der Franzosen über ihre politische Führung sitzt tief und ist durch das wiedererwachte Gefühl einer nationalen Wertegemeinschaft nicht verschwunden. Es fällt deshalb Präsident Hollande zu, die Bestürzung über das Geschehene in einen heilsamen Schock und eine Veränderung der politischen Sitten zu verwandeln.

          Michaela Wiegel

          Politische Korrespondentin mit Sitz in Paris.

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