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Andreas Ross (anr.)

Trump-Kommentar : Präsident Wysiwyg

  • -Aktualisiert am

What you see is what you get: Donald Trump am Freitag im Weißen Haus. Bild: AFP

Mit Donald Trump hat Amerika einen Mann ins Weiße Haus gesandt, der seinem Bauch stärker traut als Fakten oder Fachleuten. Nie zuvor hat sich ein Präsident so gern in den Kopf schauen lassen. Stoff für neue Empörung folgt in Kürze.

          Donald Trump wird manchmal als „WYSIWYG-Präsident“ bezeichnet. Mit dem Versprechen „What you see is what you get“ vermarkteten Softwarefirmen einst die Darstellung etwa bei der Textverarbeitung: Man bekommt, was man sieht. Tatsächlich haben Trumps Wähler sehenden Auges einen Mann ins Weiße Haus gesandt, der seinem Bauchgefühl stärker vertraut als Fakten oder Fachleuten. Der dem „Establishment“ den Kampf ansagt und zugleich um dessen Anerkennung buhlt. Der unbedingt ernst, aber keinesfalls beim Wort genommen werden will. Der glaubt, durch schieres Trump-Sein die „starken Männer“ der Welt beeindrucken und mit ihnen die Probleme der Welt lösen zu können. Und der nichts wichtiger findet, als rund um die Uhr alle Berichterstattung zu dominieren.

          Darum konnte auch diese Woche niemand von den Volten des Präsidenten überrascht sein, der sich erst vor Tagen zum „stabilen Genie“ erklärt hatte. Am Dienstag hatte er sich als aufmerksamer Gastgeber für Republikaner und Demokraten gezeigt, mit denen er eine Lösung für viele illegale Einwanderer im Land finden wolle. Von einem „Gesetz der Liebe“ sprach Trump. Zwei Tage später zog er über die „Drecksloch-Länder“ vor allem in Afrika her.

          Das späte Dementi ist nicht glaubwürdig

          Trumps spätes Dementi ist angesichts der Quellenlage nicht glaubwürdig. Selbst der gefährlichste Nuklearkonflikt kann diesen Präsidenten nicht dazu bringen, seine Worte zu wägen. Er redet von seinem „wahrscheinlich ziemlich guten Verhältnis zu Kim Jong-un“, will aber nicht verraten, ob er mit Nordkoreas Machthaber gar schon geredet hat. Im Kongress hätte er beinahe das von seiner Regierung verlangte Überwachungsgesetz torpediert, weil er lieber auf einen Fernseh-Kommentar hörte als auf seine Berater. Die Begründung, mit der eine London-Reise abgesagt wurde, ist nicht minder peinlich.

          Das ist der Mann, den die Europäer betören müssen, wenn sie das Atomabkommen mit Iran retten wollen. Gute Gewissens können sie sich seinem Diktat kaum fügen: Wer den über Jahre hinweg zwischen acht Parteien ausgehandelten Pakt einseitig verschärft, beschwört ein nukleares Wettrüsten im Mittleren Osten herauf. Zudem verlöre der Westen seine Glaubwürdigkeit. Um die ist es allerdings auch nicht besser bestellt, wenn die Europäer eine Scheinlösung finden sollten, mit der Trump Gesicht wahren und das Iran-Abkommen fortleben kann.

          Andreas Ross

          Redakteur in der Politik.

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