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Kampf um Südostasien : In der Arena der Weltpolitik

Prost! Donald Trump hofiert den philippinischen Präsidenten Rodrigo Duterte. Bild: Reuters

In Südostasien befinden sich einige der am schnellsten wachsenden Volkswirtschaften der Welt. Amerika und China ringen offen um die Region. Auch die Europäer sollten mehr Interesse zeigen. Ein Kommentar.

          Viele Europäer lieben die Strände Thailands, die balinesischen Tempel und die Skyline von Singapur. Doch Südostasien ist mehr als nur eine schöne Urlaubsregion. Das Gebiet ist heute vor allem der Schauplatz für das Ringen Amerikas und Chinas um Dominanz in Asien. Mit Expansion und Zusammenarbeit versucht Peking, seine Interessen durchzusetzen. Die Unsicherheit, die der Aufstieg Chinas mit sich bringt, ist heute in fast allen Politik- und Lebensbereichen zu spüren: in den aufflammenden territorialen Disputen, der rapiden Aufrüstung, bis hin zur wachsenden Zahl chinesischer Touristen.

          Till Fähnders

          Politischer Korrespondent für Südostasien.

          Gleichzeitig herrscht große Unsicherheit, ob Amerika weiter die Sicherheit und Stabilität in der Region garantieren kann und will. Die lange Asien-Reise des amerikanischen Präsidenten Donald Trump schafft in diesem Punkt mehr Verwirrung als Vertrauen. Die zehn Mitglieder des Verbands der Südostasiatischen Staaten (Asean) stellt das vor eine Zerreißprobe. Nicht jeder teilt in gleichem Maße die Sorgen über Chinas dominantes Auftreten, einige schlagen daraus sogar zunehmend Kapital.

          Megastädte – in denen immer noch viel Armut herrscht

          In gewisser Weise ist es da schon erstaunlich, dass Asean überhaupt noch existiert. Wenn der Verband in diesen Tagen seinen 50. Geburtstag feiert, kann er auf einige Erfolge zurückschauen. So herrschte in den fünf Jahrzehnten weitgehend Frieden zwischen den Mitgliedstaaten. Und das in einer Region, die wegen ihrer Völkervielfalt früher als „Balkan Asiens“ bezeichnet worden war. Die vielen kleinen Konflikte haben aber nie zu einem richtigen Krieg geführt.

          Stattdessen befinden sich in Südostasien heute einige der am schnellsten wachsenden Volkswirtschaften der Welt. Von Bangkok über Manila bis Jakarta sind Megastädte entstanden, in denen immer noch viel Armut zu beobachten ist, die aber doch viele Chancen bieten. Die Bevölkerung ist jung und steckt voller Optimismus. Während der Westen in Selbstzweifeln versinkt, haben die Menschen in Südostasien heute bessere Jobs, mehr Geld und mehr Hoffnung als je zuvor.

          Dabei treffen unter den 600 Millionen Einwohnern unterschiedliche Kulturen, Gesellschaften und Religionen aufeinander. Vom Buddhismus, Hinduismus bis zum Christentum und zum Islam sind die meisten großen Glaubensrichtungen vertreten. Es gibt reiche Länder wie Singapur, bitterarme wie Laos. Es sind kleine Länder dabei wie Brunei und große wie Indonesien. Es sind Demokratien, ein Sultanat, Volksrepubliken und Königreiche darunter. Eine Gemeinschaft, der es gelingt, den Unterschied zur Gemeinsamkeit zu erheben, hat schon etwas geleistet.

          Dabei hat man in Europa nicht ganz zu Unrecht lange auf Asean als politische „Quasselbude“ hinabgeschaut. Die Südostasiaten haben nie im gleichen Maße an den Segen einer immer tieferen Integration geglaubt. Tatsächlich ist die Bereitschaft, die Grenzen zu öffnen, auf Souveränität zu verzichten und auch finanziell zu dem „großen Ganzen“ beizutragen, in Asien deutlich geringer ausgeprägt. Das könnte auch daran liegen, dass Asean nicht von der Erfahrung zweier Weltkriege geprägt ist, sondern ursprünglich als Zweckbündnis gegen den Kommunismus gedacht war.

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          Dort, wo Europa manchmal an seinen hohen Ambitionen scheitert, wird in Asien nicht selten mit übertriebener Vorsicht agiert. Immerhin erleichtert die Lockerheit im Verbund den Südostasiaten auch eine gewisse Kontinuität im Verhältnis untereinander. Die Toleranz für andere Weltanschauungen ist hoch. Die Kehrseite ist, dass auch diktatorische Regime unter den Mitgliedstaaten akzeptiert werden. Der „Asean-Weg“, Konsens zu suchen und sich nicht in die Dinge des anderen einzumischen, führt dazu, dass selbst übelste Despoten gegen Kritik gefeit sind.

          Das wird umso mehr zu einem Problem, wenn das Mittel der autoritären Herrschaft durch Chinas Einfluss weiter salonfähig gemacht wird. Länder wie Thailand, Kambodscha, Malaysia und Vietnam haben das Rad der Demokratisierung zurückgedreht. Der philippinische Präsident Rodrigo Duterte, der im Jubiläumsjahr den Vorsitz über den Staatenverband innehat, kämpft mit roher Gewalt gegen den Drogenkonsum. Burma, dessen Transformation zu mehr Demokratie als großer Erfolg galt, macht mit der Verfolgung der muslimischen Rohingya Schlagzeilen.

          All dies spräche dafür, dass der Westen gerade jetzt für eine liberale, offene und demokratische Zukunft Südostasiens einstehen müsste. Doch unter Präsident Trump hat die Asien-Politik eine neue Richtung eingeschlagen. Die Menschenrechte werden kaum noch erwähnt. Amerika verabschiedet sich von multilateralen Freihandelsabkommen und gibt bilateralen Vereinbarungen den Vortritt. Für China ist das eine einmalige Gelegenheit. Staatschef Xi Jinping stellte sich beim Gipfel der asiatisch-pazifischen Staaten in Da Nang schon als Retter einer multilateralen Ordnung dar. Derweil ist Europa gerade mit anderen Dingen beschäftigt. Dabei sollten auch die europäischen Länder die zentrale Rolle Südostasiens in dieser Zeit des Umbruchs würdigen. Sie sollten wenigstens etwas Interesse an den Entwicklungen in ihrer geliebten Urlaubsregion zeigen.

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