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Kommentar : Pulverfass der Weltpolitik

  • -Aktualisiert am

Ein Screenshot aus einem Video zeigt den Moment des Absturzes des russischen Kampfflugzeugs. Bild: Getty

Es ist unwahrscheinlich, dass der Abschuss des russischen Kampfflugzeugs eine offene Konfrontation zwischen der Nato und Russland zur Folge hat. Die Friedensbemühungen für Syrien aber werden dadurch noch schwieriger.

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          Hat das abgeschossene russische Kampfflugzeug den türkischen Luftraum verletzt? Da steht Aussage gegen Aussage, und es ist nicht zu erwarten, dass Ankara oder Moskau ohne zwingende Beweise von ihrer Version abrücken werden. Dafür ist der Vorfall zu ernst. Allerdings hat er eine Vorgeschichte, die man nicht vergessen sollte. Russische Flugzeuge haben in jüngster Zeit mehrere Male türkisches Hoheitsgebiet verletzt, so wie sie auch in Europa dem Luftraum der Nato immer wieder nahe gekommen sind. Russland neigt zu riskanten und provokativen Lufteinsätzen, um seine Selbsterneuerung als Großmacht unter Beweis zu stellen. Das war stets mit der Gefahr von Zwischenfällen verbunden.

          Es ist unwahrscheinlich, dass dieser Vorfall eine offene Konfrontation zwischen der Nato und Russland zur Folge hat. Dafür ist er dann doch zu klein; ein bewaffneter Angriff auf das Bündnisgebiet war das jedenfalls nicht. In der Allianz dürfte niemand ein Interesse daran haben, die Sache über die üblichen Protestnoten hinauszutreiben. Auf russischer Seite sollte die Kalkulation nicht sehr viel anders aussehen, denn der potentielle Preis für eine militärische Vergeltung wäre so hoch, dass ihn selbst ein Spieler wie der russische Präsident kaum wegen eines verlorenen Jagdbombers entrichten würde. Putin hat allerdings zum zweiten Mal nach dem Anschlag auf das Passagierflugzeug über dem Sinai eine Lektion zu lernen, die ihm in der Ukraine noch weitgehend erspart blieb: Ein militärisches Eingreifen hat oft Folgen, wo sie gar nicht erwartet werden. Das russische Verhältnis zur Türkei, mit der er kürzlich noch Gasleitungen plante, ist einstweilen ruiniert.

          Die Friedensbemühungen für Syrien und die Bildung einer großen Allianz gegen den „Islamischen Staat“ werden durch den Vorfall nicht leichter. Die Türkei war schon immer ein Gegner Assads, Russland ist inzwischen sein wichtigster Verbündeter. Jetzt kommt das Thema der Turkmenen in Syrien hinzu, die Ankara von Russland angegriffen sieht. Im Augenblick ist schwer zu erkennen, wie die widerstrebenden Interessen nicht nur dieser beiden Akteure ausgeklammert werden könnten, um wenigstens den IS auszuschalten. Gewiss scheint nur: Ohne ein stärkeres amerikanisches Engagement wird Syrien eine Brutstätte des Terrors und ein Pulverfass der Weltpolitik bleiben.

          Nikolas Busse

          Verantwortlicher Redakteur für Politik der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

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