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Kommentar : Für immer Türke

Der deutsche Journalist Deniz Yücel, Türkei-Korrespondent der „Welt“, im September 2015 im türkischen Nusaybin Bild: dpa

Die Inhaftierung des „Welt“-Korrespondenten Deniz Yücel in der Türkei ist absurd. Trotzdem sollten deutsche Verlage ihre Entsendungspolitik überdenken. Können wirklich nur Journalisten mit türkischen Wurzeln über die Türkei schreiben?

          In der Türkei ist ein deutscher Journalist in Haft, weil er Mitglied einer Terrorbande sein soll. Die Vorwürfe gegen Deniz Yücel sind absurd. Man kann nur hoffen, dass es gelingt, ihn bald aus der Haft und der Türkei zu befreien. Aber vielleicht sollte man auch darauf hoffen, dass deutsche Verlage ihre Entsendungspolitik überdenken und neu überlegen, welche Korrespondenten sie in welches Land schicken. Denn gerade im Fall der Türkei beugen sich manche Häuser indirekt dem Nationalismus des türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan: einmal Türke, immer Türke.

          Michael Martens

          Korrespondent für südosteuropäische Länder mit Sitz in Athen.

          Erdogan ist oft dafür kritisiert worden, dass er alle türkischstämmigen Menschen in Deutschland so behandelt, als seien sie seine Bürger. Ganz gleich, wie sich die Menschen definieren, seit wie vielen Generationen sie in Deutschland leben, ob sie einen deutschen Pass haben oder nicht – der Paternalist vom Bosporus reklamiert sie für sich. Einmal Türke, immer Türke, da gibt es kein Entrinnen.

          Leider folgen auch namhafte deutsche Medienhäuser dieser seltsamen Logik. Zwei Beispiele von vielen: Für die „Zeit“ berichtet Özlem Topcu über und oft aus der Türkei. Für die „Welt“ tat das bis Ende 2016, als er auf dem exterritorialen, also dem türkischen Zugriff entzogenen Gelände der deutschen Kulturakademie in Tarabya Zuflucht fand, ebenjener Deniz Yücel, der sich nun den türkischen Behörden stellte. Yücel und Topcu sind Deutsche, hier geboren und aufgewachsen. Yücel besitzt zudem die türkische Staatsbürgerschaft, was die Lage in der Türkei für ihn nun erschwert.

          Aber allein darum geht es nicht. Sondern um die Frage: Warum reduzieren deutsche Verlage die Kinder oder Enkel türkischer „Gastarbeiter“ so oft auf die Rolle von Türkei-Erklärern? Weil sie Türkisch sprechen? Hoffentlich nicht, denn es gibt viele Menschen, die die Sprache eines Landes gut beherrschen und das Land dennoch oder just deshalb fließend missverstehen. Enge emotionale oder gar familiäre Verbundenheit mit einem Land muss kein Vorteil sein, wenn man über das Land berichtet.

          Ist es gut, ein Land zu lieben, über das man berichtet?

          Topcu schreibt über ihren Freund Yücel, der sei „einer, der die Türkei liebt“. Natürlich darf man die Türkei, Deutschland, Nordkorea oder Hintertupfingen „lieben“ – aber ist es gut, ein Land zu lieben, über das man berichtet? Gilt da nicht weiterhin der schöne Satz Gustav Heinemanns, der sagte, er liebe keine Staaten, er liebe seine Frau? Schon Nietzsche hatte in diesem Sinne geraten, man solle Völker weder lieben noch hassen.

          Türkische Flagge über dem Taksim-Platz in Istanbul: Können wirklich nur Journalisten mit türkischen Wurzeln über die Türkei schreiben?

          Und ist es nicht ein Zeichen mangelnden Vertrauens, einen Journalisten aufgrund der Herkunft der Eltern aus Land x oder y auch als Berichterstatter diesem Land zuzuordnen? Können „Türken“ nur über die Türkei schreiben? Warum hat die „Welt“ Deniz Yücel nicht nach Russland geschickt, damit er den Lesern Putin erklärt? Warum berichtet eine deutsche Journalistin mit türkischen Wurzeln nicht über Südamerika? Warum diese Herkunftsgettoisierung im deutschen Journalismus?

          Natürlich darf das nicht zu dem Extrem führen, jemanden mit türkischen Wurzeln aus Prinzip nicht mehr über die Türkei berichten zu lassen. Das Erfahrungsgepäck, mit dem einer durchs Leben stapft, ist wertvoll. Aber Migrantenkinder, die nur über Migration schreiben? Gähn! Solange der Eindruck vorherrscht, dass ein „Türke“ nur Türkei „kann“, müssen sich die Leser auf den Arm genommen fühlen. Die Verlage schulden den Lesern Journalisten, nicht Türken vom Dienst, eingezwängt in das Prokrustesbett ihrer Biographien.

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