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Andreas Ross (anr.)

Franziskus in Amerika : Nicht Obamas Papst

  • -Aktualisiert am

Brüder im Geiste? Der amerikanische Präsident Barack Obama empfing Papst Franziskus am vergangenen Mittwoch im Weißen Haus. Bild: AP

Beim Besuch in den Vereinigten Staaten bleibt sich Franziskus seiner Linie treu, nicht im Dreieck Verhütung, Abtreibung, Homoehe zu verharren. Obamas progressive Gesellschaftspolitik aber lehnt der Papst ab.

          Amerikas Vorwahlkampf ist ein perverser Überbietungswettbewerb: Wer ist der äußerste Außenseiter? Donald Trump führt ins Feld, dass er als einsamer Geldgeber in einem Moloch von Handaufhaltern Washingtons oberster Outcast sei. Carly Fiorinas politische Erfahrung beschränkt sich darauf, dass sie 2010 in Kalifornien krachend die Senatswahl verlor - es sei denn, man stuft auch ihren Misserfolg bei der Fusion von Compaq und Hewlett-Packard als politische Tat ein. Der Neurochirurg Ben Carson wiederum beweist durch Fehltritte (etwa seinen Aufruf, niemals einen Muslim Präsident werden zu lassen) und zähfließenden Krisenmanagement, wie grün er im politischen Geschäft hinter den Ohren ist.

          Im linken Lager ist der „demokratische Sozialist“ Bernie Sanders ein Prachtaußenseiter: Er bekennt sich nicht einmal zu der Partei, für die er in die Wahl ziehen will - er hat die Demokraten nur genötigt, ihm sein „unabhängiges“ Wohlverhalten bei Abstimmungen im Senat mit schönen Posten zu vergelten. Natürlich muss sich Hillary Clinton in dieser Lage als Mutter aller Outsider verkaufen: „Ich kann mir niemanden vorstellen“, sagte sie neulich, „der eher ein Außenseiter wäre als die erste weibliche Präsidentin. Denken wir einmal darüber nach!“

          Appelle des Papstes mitten im Wahlkampf

          Gute Idee. Vielleicht hilft dabei ja der Papst. Denn Franziskus hat auch in Amerika Gespür für echte Außenseiter bewiesen. Nach seinem Auftritt im Kongress überließ er die Anzugträger schnell ihrem Insiderschicksal und aß mit Obdachlosen zu Mittag. Weit musste er sich dafür nicht vom Kapitol entfernen. Nach seiner Ansprache in der UN-Vollversammlung in New York traf er sich mit Flüchtlings- und Migrantenkindern in Harlem. Am heutigen Sonntag besucht er in Philadelphia Häftlinge in einem Gefängnis. Jeder vierte aller inhaftierten Erdbewohner sitzt übrigens in einem amerikanischen Gefängnis. Obwohl ausnahmsweise Konsens herrscht, dass das dem Land schadet, lässt eine gesetzliche Korrektur auf sich warten.

          Franziskus’ Appell, „den Geist der Zusammenarbeit zu erneuern“, verflog im Twitter-Orkan der Wahlkämpfer. Schlecht stehen die Aussichten, dass sich Amerikas Politiker die menschlichen Gesten des Papstes zu Herzen nehmen, die sie selbst so laut rühmen. Von Anbeginn wurde sein Besuch durch die ideologische Brille betrachtet: Konservative hofften, das Oberhaupt der Katholiken werde die Linken an die Bedeutung der klassischen Familie erinnern. Linke freuten sich auf den Kapitalismuskritiker, mehr noch auf den Schutzherrn der Migranten und am meisten auf den Klimaschützer Franziskus. Im Kongress blieb parteiübergreifender Beifall wie zu Beginn, als sich selbst der Papst vor dem „Land der Freien und der Heimat der Tapferen“ verneigte, die Ausnahme.

          Beifall der Demokraten

          Forderte Franziskus, illegale Einwanderer „mit derselben Hingabe und demselben Mitgefühl zu behandeln, mit dem wir behandelt werden möchten“, sprangen nur Demokraten auf und klatschten. Auch den Verweis auf die „durch menschliches Handeln verursachte Umweltschädigung“ beklatschte nur die eine Hälfte des Saals. Die Republikaner standen erst auf, als der Papst verlangte, „menschliches Leben in jedem Stadium seiner Entwicklung zu schützen“.

          Sie mussten sich allerdings schnell wieder hinsetzen, denn statt auf Abtreibung einzugehen, wetterte Franziskus nun gegen die Todesstrafe. Ähnlich lief es, als der Papst von „Religionsfreiheit“ sprach. Für Amerikas Konservative ist das Wort die Chiffre für den Wunsch mancher Christen, Homosexuellen weder Trauscheine ausstellen noch Hochzeitstorten backen zu müssen. Doch Franziskus bezog sich auf religiös verbrämten Extremismus in der Welt - und stellte klar, dass davor auch Christen nicht gefeit seien. Also doch „Obamas Papst“?

          Vom Winde verweht: Der Papst spricht in Philadelphia

          Unsinn. Franziskus lehnt die progressive Gesellschaftspolitik des Präsidenten ab. Er blieb nur seiner Linie treu, nicht aus „Besessenheit“ im Dreieck Verhütung, Abtreibung, Homoehe steckenzubleiben. Die parteipolitische Unwucht seiner Rede im Kongress beweist allein, dass diplomatische Korrektheit diesen Kirchenführer wenig schert. Konservative Amerikaner urteilten denn auch milde bis gönnerhaft über den Gast aus dem Vatikan. Tenor: Man kann diesem Franziskus einfach nicht böse sein. Als redete man über ein Kind, das über die Stränge schlägt, aber nachher süß guckt.

          „Alles erreicht“: John Boehner (r.) konnte am Donnerstag auf dem Balkon des Kapitols seine Tränen nicht mehr zurückhalten, als er dort mit Papst Franziskus stand. Links Vizepräsident Joe Biden (l.) sowie Mitch McConnell und sein möglicher Nachfolger Kevin McCarthy.

          Es passte, dass Washingtons Woche mit dem Rücktritt des Republikaners John Boehner endete. Am Tag nach seiner lang ersehnten Begegnung mit dem Papst kündigte der Katholik an, Ende Oktober das Amt des „Speaker of the House“ und sein Abgeordnetenmandat niederzulegen. Boehner weiß, dass die kategorische Unversöhnlichkeit, die seine Macht- in eine Ohmachtsposition verwandelt hat, auf absehbare Zeit nicht nachlässt. Wenigstens hat das Problem diese Woche einmal einer benannt, der keinem Lager angehört.

          Andreas Ross

          Redakteur in der Politik.

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