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Kommentar : Arabische Abgründe

Ein Kämpfer der Freien Syrischen Armee in Aleppo Bild: Reuters

Der „Dreißigjährige Krieg der Araber“ hat erst begonnen. Wo sind die Gegenmittel?

          3 Min.

          Wenn es noch eines Beweises bedurft hätte für die gewaltigen Verwerfungen im Nahen Osten, dann liefern ihn die Flüchtlingszahlen. Scheinbar unaufhaltsam erreichen sie immer neue Rekordwerte: Jeder zweite der fünfzig Millionen Menschen, die weltweit in ein anderes Land geflohen sind, kommt aus Arabien; erstmals stellen die Syrer die größte Gruppe, und erstmals ist nicht mehr Asien die größte unmittelbare Aufnahmeregion, sondern der Nahe Osten einschließlich Nordafrika. Die meisten Flüchtlinge können nicht in ihre Heimatländer zurückkehren – und sie wollen das auch nicht.

          Eine Umkehr des Trends ist nicht abzusehen. Denn der Staatszerfall in Syrien und im Irak, in Libyen und im Jemen treibt immer mehr Menschen in die Flucht. Die Massen, die sich absetzen, gefährden die Stabilität der Länder, die ihnen (noch) Zuflucht gewähren. Im Libanon ist bereits mindestens jeder vierte Einwohner ein Flüchtling. So besteht die Gefahr, dass der Zerfall von Staaten zum Kollaps anderer Staaten führen wird; dass (noch) funktionierende Staaten mit in den Abgrund gerissen werden.

          Erst ein kleiner Teil dieser Flüchtlinge hat bisher Europa erreicht. Das allein hat bereits genügt, den Kontinent in Unruhe zu versetzen. Instrumente, den Staatszerfall in der arabischen Welt zu stoppen und umzukehren, gibt es indes nicht. Alles, was die Staatengemeinschaft kurzfristig tun kann, ist zu versuchen, das Übergreifen der zerstörerischen Konflikte auf andere Länder zu verhindern. Dabei hat die Bekämpfung des Terrors Vorrang – mit der Folge, dass mit Regimen zusammengearbeitet werden muss, deren Repression selbst neuen Terror ausbrütet, so lange jedenfalls, wie es dem Westen nicht gelingt, diese Regime von der Notwendigkeit von Reformen zu überzeugen.

          Es wird Jahrzehnte dauern, bis im Nahen Osten eine neue Ordnung entsteht, in der sich die Menschen mit neuen, stabilen Staaten identifizieren werden. Der aktuelle Staatszerfall hat einen Punkt erreicht, an dem es keine Umkehr mehr gibt: Zu viele Menschen halten nichts von Staaten, die nur Werkzeuge parasitärer Eliten waren und sind; sie wollen diese Staaten einfach nicht mehr.

          Anfang 2015 gibt es einen zweiten Grund zur Sorge: Der Zerfall gleich mehrerer Staaten schafft den Nährboden für eine weitere Eskalationsstufe des islamistischen Terrors. So wächst in Syrien und im Irak eine neue Generation von Terroristen heran. Sie tragen den Terror in den Westen. In der Vergangenheit hatte ein Zehntel der Dschihadisten nach der Rückkehr Terroranschläge in den westlichen Heimatländern verübt; heute kämpfen im Namen des Dschihads allein in Syrien 3000 Westeuropäer – und die meisten werden zurückkehren, sie wollen das jedenfalls.

          Die Terrorgruppe, die sich „Islamischer Staat“ (IS) nennt, ist eine weitere Eskalationsstufe des islamistischen Terrors, und sie muss nicht die letzte sein. Schon lange werden Terrorgruppen bekämpft; jedes Mal musste man erkennen, dass sie nur scheinbar zerstört wurden, dass die jeweiligen Nachfolger eine noch größere Gefahr darstellten. Jede Etappe bereitete die nächste vor, stets wuchs das Ausmaß des Terrors. Die Ungeheuer wuchsen im Rhythmus von einem Jahrzehnt heran.

          1979 hatte eine puritanisch-fanatische Gruppe um den Saudi Dschuhaiman al Utaibi die Große Moschee von Mekka besetzt. Sie hatte jegliche Verwestlichung abgelehnt, sie rief zum Sturz der „dekadenten“ saudischen Königsfamilie auf und rief den Mahdi, den Messias, aus. Die Al Saud reagierten auf den islamisch motivierten Aufstand mit „mehr Islam“, den sie nun auch exportierten. Auf dieser Welle gelangte Bin Ladin nach Afghanistan. Dort koordinierte er die Rekrutierung von Arabern für den Dschihad gegen die Rote Armee, dort gründete er 1988 Al Qaida, bevor er sich schließlich gegen den Westen wandte. Zielscheibe waren nicht mehr die saudischen Prinzen, sondern jene, die Bin Ladin „Kreuzzügler und Zionisten“ nannte. Er schwor den Taliban Treue und sanktionierte deren „Islamisches Emirat“ in Afghanistan.

          Bin Ladin führte Krieg gegen die „Kreuzzügler“, Bagdadi, der Führer des IS, führt Krieg gegen alle „Feinde Allahs“. Bin Ladin billigte ein „Islamisches Emirat“, Bagdadi errichtet ein totalitäres Reich, das sich schon über eine Fläche erstreckt, die so groß ist wie Großbritannien; als „Kalif“ fordert er die Loyalität aller Muslime.

          Nicht viel Phantasie gehört dazu, sich vorzustellen, dass es nach dem IS noch schlimmer kommt; wenn etwa ein Nachfolger des IS versuchen wird, seine Herrschaft über die Levante hinaus auszudehnen und dem Rest der Welt den Krieg erklärt. Es wird nicht reichen, den IS allein militärisch zu besiegen. Dazu ist die Ideologie des Dschihads zu weit entwickelt und verbreitet, dazu gibt es bereits zu viele „Krieger“. Nach den Terroranschlägen vom 11. September 2001 war die Zahl der Dschihadisten auf achthundert geschätzt worden. Heute kämpfen allein für den IS 50.000 Krieger. Diesen Krieg gegen den IS kann der Westen nicht allein gewinnen. Wie er sind auch die gemäßigten Muslime bedroht. Der „Dreißigjährige Krieg der Araber“ hat erst begonnen. Und er wird begleitet sein von weiteren Flüchtlingsströmen.

          Rainer Hermann

          Redakteur in der Politik.

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