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Kommentar : Annäherung in Korea

Bild: EPA

Nach dem historischen Gipfeltreffen bleibt die Ungewissheit, wie ernst es Kim und Trump meinen.

          3 Min.

          Wer beim innerkoreanischen Gipfeltreffen nach einem Bild für das schwierige Verhältnis beider Staaten suchte, dem boten es Südkoreas Präsident Moon Jae-in und der nordkoreanische Machthaber Kim Jong-un gleich zu Beginn. Händchenhaltend gingen sie über die Demarkationslinie im Waffenstillstandsort Panmunjom vor und zurück und ließen im Bemühen um Gleichwertigkeit Zielstrebigkeit vermissen. Es war ein treffendes Bild dafür, wie die koreanischen Staaten seit den neunziger Jahren zwischen Annäherung und Ablehnung changieren. Im Moment steht wieder Annäherung auf der Tagesordnung.

          Ein Zweites wurde bei dem Gipfeltreffen deutlich: Der noch junge Kim sieht seinen Staat nicht als Juniorpartner des Südens. Sein selbstbewusstes Auftreten demonstrierte den Machtanspruch des Nordens, der sich mit dem angeblichen Abschluss seines Nuklearraketenprogramms zur Atommacht erklärt hat. Das ist der entscheidende Unterschied im Vergleich zu den ersten Spitzentreffen in Korea vor 11 und vor 18 Jahren. Diese brachten nur zeitweise Entspannung, aber kein Ende der nuklearen Aufrüstung des Nordens.

          Ob das dritte Gipfeltreffen nun endgültig Entspannung einleitet, ist aus den freundlichen Gesten Kims und Moons, aus den allem Anschein nach vertrauensvollen Gesprächen und auch aus der Abschlusserklärung nicht direkt abzulesen. Zu oft schon hatte Kims Vater die Erwartungen enttäuscht und sich durch temporäre Annäherung nur Zeit verschafft. Wenn sein Sohn Vertrauen gewinnen will, muss er seinen Willen zur Abrüstung schon konkret beweisen. Kim und Moon bestätigten in der Panmunjom-Erklärung das gemeinsame Ziel einer nuklearwaffenfreien Halbinsel. Vom Ziel zu konkreten Schritten aber ist ein weiter Weg.

          Die Unbestimmtheit gründet auch darin, dass der Erfolg des Moon-Kim-Treffens durch einen Dritten bestimmt ist, durch Donald Trump. Sosehr die beiden Koreaner aus unterschiedlichen Motiven beschwören, dass die Zukunft der Halbinsel von den koreanischen Staaten bestimmt werde, so offensichtlich ist: Seoul und Pjöngjang können ihre Absprachen vergessen, wenn das Treffen von Trump mit Nordkoreas Diktator schiefgeht. Die militärische Option hat Trump trotz seines begrenzten Willens zum Dialog noch nicht eingemottet.

          Für Moon ist die Erklärung dennoch ein großer Erfolg. Mit dem angestrebten Friedensvertrag, mit verabredeten Familienzusammenführungen, gemeinsamen Veranstaltungen, der Aussicht auf wirtschaftliche Zusammenarbeit und einem Verbindungsbüro ist eine Basis gelegt, um Vertrauen durch Zusammenarbeit zu gewinnen. Das hatte er immer angestrebt.

          Doch bleibt die nagende Ungewissheit, wie ernst es Kim meint. Wie undurchschaubar die Lage und vor allem Kim ist, zeigt sich daran, dass es keine einheitliche Erzählung gibt, wie es zum Gipfeltreffen kam. Ein Narrativ berichtet von der Entschlossenheit Trumps, notfalls auch militärisch einzugreifen, und von dem Druck der wirtschaftlichen Sanktionen der Vereinten Nationen einschließlich Chinas. Diese Erzählung beschreibt im Kern ein schwaches Nordkorea, das wirtschaftlich noch nicht am Ende ist, aber durch Druck von außen zu Gesprächen gezwungen werden kann. Eine andere Variante handelt vom noch jungen Vorsitzenden der Arbeiterpartei, der im siebten Jahr seiner Führerschaft seine Macht stabilisiert habe und jetzt auch außenpolitisch seinen eigenen Weg finde. Diese Interpretation beschreibt ein Nordkorea, das sich stark fühlt, und lässt die Frage ungeklärt, warum Kim seine Atomwaffen aufgeben sollte. Sie geht überein mit der stimmigen Beobachtung, dass Kim im Propagandaspiel der Worte und Drohungen Trump mindestens gleichwertig ist. Die Olympischen Winterspiele in Südkorea zu nutzen, um ohne Gesichtsverlust aus der Drohspirale auszusteigen, zeugt von diplomatischer Kunst.

          Hier schließt sich der dritte Erzählstrang an, die Geschichte vom unerschrockenen Moon, der seinen Traum eines friedlich geeinten Koreas verfolgt und mit Ausdauer und Geduld Trump und Kim eine Brücke zum Gespräch baut. Diese Geschichte enthält die Paarung Moon–Trump, die „good cop, bad cop“ spielen, und entspricht dem Selbstverständnis des Südkoreaners, die Korea-Frage zuvörderst im kleinen Kreis zu lösen, als Basis für eine Friedensordnung in Nordostasien.

          All diese Narrative geben zusammen ein Bild, das keine klare Linie kennt, trotz der hehren Worte in der Gipfelerklärung. Offen bleibt vor allem, was man Kim bieten muss, damit er auf seine Atomwaffen verzichtet. Ist er ein Wirtschaftsreformer, der sein Land zu dauerhaftem Wachstum führen will? Oder sucht er nur den schnellen Dollar in Form einer Aufhebung der Sanktionen? Blauäugig wäre zu glauben, dass Wirtschaftshilfe und Direktinvestitionen als Systemgarantie ausreichen. Je mehr Kim eine wohlhabendere Mittelschicht zulässt, desto mehr steht sein Anspruch auf Alleinherrschaft in Frage. Das „do ut des“ einer nuklearen Abrüstung Nordkoreas lässt sich nur in einem langen Prozess herausfinden, von dem unklar ist, ob er je zum Ziel führt. Ob Kim dazu den Willen und Trump und die Vereinigten Staaten die Ausdauer haben, das war in Panmunjom noch nicht zu erkennen.

          Patrick Welter

          Korrespondent für Wirtschaft und Politik in Japan mit Sitz in Tokio.

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